Niki de Saint Phalle

– Zusammenspiel

Die Künstler der Ausstellung »Dylaby« (Dynamisches Labyrinth) in Amsterdam, 1962. (Olof Ultvedt, Robert Rauschenberg, Martial Raysse, Daniel Spoerri, Jean Tinguely, Niki de Saint Phalle), Tinguely-Museum, Basel. Bild: Jean-Pierre Dalbéra, flickr. (CC BY 2.0)

In dem letzten Blog konnte man sehen, dass Tinguely das war, was man heute Netzwerker nennt. Eine ganz besondere Rolle spielte dabei seine zweite Frau. Niki de Saint Phalle (1930 – 2002) Vielen wird dieser Name etwas sagen und an die großen bunten »Nanas« denken lassen, diese durchweg weiblichen Figuren in sehr bunten Farben und reduzierten rundlichen Formen. Es ist ziemlich stiefmütterlich, diese Künstlerin scheinbar in einem Anhang zu Tinguely zu präsentieren, wie ursprünglich geplant. Tatsächlich hat auch Tinguely von dieser Zusammenarbeit profitiert. Wegen der Verflechtungen mit Tinguely stelle ich sie mit der zweiten Überschrift trotzdem im Zusammenhang mit ihm vor. Sie haben zahlreiche Projekte gemeinsam realisiert.   

Niki wurde zuerst durch ihre Schießbilder bekannt. Sie schoss mit Farbbeuteln auf Gipsfiguren, bei deren Herstellung Tinguely bereits mitgearbeitet hat. Diese Arbeiten hatten den ernsten Hintergrund, dass Niki de Saint Phalle Frustrationen und Übergriffe von Männern aus ihrem bürgerlich-konservativen Umfeld aufarbeitete. Der Weg zu einer engagierten Feministin war dann nicht mehr weit.

„Ich schoss auf Papa, alle Männer, bedeutende Männer, dicke Männer, meinen Bruder, die Gesellschaft, die Kirche, den Konvent, die Schule, meine Familie, meine Mutter, auf mich selbst.“ 
(Zitiert nach C. Busch, Kultur-port.de, 10.05.2016)

Niki de Saint Phalle en train de viser (1972). Détail de l’affiche de l’exposition Niki de Saint Phalle au Grand Palais. Bild: Gautier Poupeau, flickr. (CC BY 2.0)

Die nächste Schaffensphase nach den Schießbildern waren die Nanas. Sie stellte sie aus Polyester her, ein Material, in dem sie die Ursache für ihre spätere Lungenerkrankung sah. Die Farbgebung war der Pop-Art entnommen, die Formen waren die ureigene Kreation von Niki de Saint Phalle, große rundliche starke Frauenkörper. Sie wirken freundlich, lustig und harmlos. Sie sind jedoch eine provokative Antwort auf das ebenfalls provokative Verhalten von Männern, das Niki am eigenen Leib erfahren hat und das man allenthalben in der Gesellschaft sieht, wen man nur hinsehen will. Auch heute noch. Was Niki de Saint Phalle einmalig macht, ist die ungeheure Kraft, mit der sie sich auf dieses Thema stürzt und die Kreativität, dafür einen künstlerischen Ausdruck zu finden. Was die Provokation angeht, so war sie bei den Nouveaux Réalistes in bester Gesellschaft. Tinguelys Maschinen wirken freundlich und verspielt, aber auch hinter ihnen steckt eine ernstgemeinte Kritik an Konsumverhalten und einer Maschinenwelt, in der der Mensch nur ein funktionierendes Teilchen ist.

Niki de Saint Phalle, Drei Nanas, 1974, Hannover – Leibnizufer, Bild: JuergenG Via Wikipedia (CC BY-SA 3.0 Unported)

Viele dieser Plastiken schenkte sie der Stadt Hannover, wo sie am Leibnizufer ins Stadtbild integriert wurden. Aufsehen erregte eine riesige begehbare Plastik mit dem Namen »Hon en Katedral« („Sie – eine Kathedrale“), an deren Konstruktion Tinguely und Olof Ultved mitgearbeitet hatten. Sie wurde 1966 im Moderna Museum in Stockholm zwei Monate lang gezeigt. Hier sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Im Inneren des riesigen begehbaren Körpers gab es verschiedene Räume, so war in der Brust eine Milchbar eingerichtet. Das tradierte Frauenbild wurde ironisch überlebensgroß als Plastik geschaffen, zugleich wurde der weibliche Körper angesichts männlicher Vorurteile, Ängsten und Übergriffen entmystifiziert.

Niki de Saint Phalle’s ‚Hon-en Katedral‘ featured in Franco Battiato’s ‚Fetus‘ album artwork (1971). Bild:Daniele Licata (@KenParkRiot), via Twitter

Die Beziehung zwischen Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely war keineswegs unproblematisch, aber sie fanden ihren eigenen Weg zwischen Krieg und Liebe, der mit den Kategorien von bürgerlichen Konventionen nicht zu erfassen ist, wie übrigens oft bei Künstlerpaaren. Emmy Hennings und Hugo Ball sind für mich immer noch die deutlichsten Beispiele.

Das private Leben und das künstlerische Schaffen ist bei diesem Künstlerpaar nicht zu trennen. Ein kurzer Film des SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) zeigt das sehr anschaulich. Einige der weiteren Ausführungen werden hier schon einmal vorweggenommen.

Niki de Saint Phalle ist mit ihren Figuren immer an die Öffentlichkeit gegangen, was allein ihre Größe schon notwendig machte. Ein schönes Beispiel ist der 11 Meter hohe und 1,2 Tonnen schwere weibliche Schutzengel, der 1997 als Gegenstück zu dem Philosophischen Ei von Mario Merz in der Halle des Bahnhofs von Zürich aufgehängt wurde. Er wurde nicht nur wohlwollend aufgenommen, sondern wurde auch als überdimensioniertes vulgäres Püppchen bezeichnet, als eine Beleidigung für alle Kinder, die an ihren (männlichen) Schutzengel glauben. Für Niki ist es sowohl logisch, dass ein Bahnhof ein geeigneter Ort für die Plastik eines Schutzengelsist, weil jeder überall beschützt sein möchte und ein weiblicher Engel ebenso wahrscheinlich sei, wie ein männlicher. Allerdings habe sie eine beruhigendere Wirkung, als ein männlicher, so wie eine Mutter.

Niki de Saint Phalle, L’ange protecteur, 1997, Bahnhof Zürich. Bild: © Roland Fischer, Zürich. (CC BY-SA 3.0 unported), via Wikipedia

Eine überzeugende Gemeinschaftsarbeit von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely ist der Strawinsky-Brunnen in Paris neben dem Centre Georges Pompidou. Diese Zusammenarbeit hat von dem sich selbst genügenden Spiel mit Formen und Materialien zu einem Zusammenspiel geführt, das für mich eine der schönsten Metaphern der Kunstgeschichte ist für eine Beziehung, die durch eigenständige und gemeinsame Elemente ein buntes, fröhliches Werk entstehen ließ. Eine Metapher für das, was im Leben passieren könnte, wenn man es zuließe. Es besteht aus 16 Teilen, die sich an russischen Märchen orientieren, wie auch die Musik Strawinskys.

Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Fontaine Stravinsky, 1982/1983, Paris, Place Igor Stravinsky. Bild: harry_nl, flickr. (CC BY-NC-SA 2.0)
Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Fontaine Stravinsky, 1982/1983, Paris, Place Igor Stravinsky. Bild: JR P, flickr. (CC BY-NC 2.0)
Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Fontaine Stravinsky, 1982/1983, Paris, Place Igor Stravinsky. Bild: JR P, flickr (CC BY-NC 2.0)

Die Gemeinschaftsarbeit »Der Zyklop«, die als Tinguelys Arbeit gilt, ist tatsächlich ein Ergebnis der Zusammenarbeit mehrerer Künstler mit maßgeblicher Beteiligung von Niki de Saint Phalle. Ein Video hierüber habe ich mit dem letzten Beitrag über Tinguely eingestellt Es zeigt zwar eine Dokumentation über die Restaurierung, aber auch die Herstellung und Nikis Beitrag.

https://www.srf.ch/play/tv/kulturplatz/video/lart-et-lamour–ueber-die-leidenschaftliche-beziehung-von-niki-de-saint-phalle-und-jean-tinguely?urn=urn:srf:video:a13f34bb-9a9d-49e5-a6d0-842b24ecda7f

Eine weitere Zusammenarbeit des Künstlerpaares stellt Niki des Saint Phalles Tarotgarten in der Toskana dar, der von 1979 bis 1998 realisiert wurde. Gestaltet wurden die 22 Karten der großen Arkana (Hauptkarten) des Tarot, die für die Stationen des Lebens stehen. Die zuerst entstandenen Figuenr repräsentieren die Karte 2, die »Hohepriesterin«, die für das Weibliche, seine spezielle Intuition und und seine oft geheimnisvollen Fähigkeiten steht, sowie Tinguelys Skulptur »Rad des »Schicksals«.

Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, die Hohepriesterin, das Rad des Schicksals. Der Tarotgarten wurde von 1979 bis 1996 angelegt und befindet sich in der Toscana bei Garavicchio. Bild: Giovanni Sighele, flickr. (CC BY 2.0)

Ihre letzte Arbeit war die Grotte der Herrenhäuser Gärten in Hannover, wo sie im Jahr 2000 Ehrenbürgerin wurde. Niki de Saint Phalle verstarb 2002, 11 Jahre nach Jean Tinguely, in der Folge eines Immoglubinmangels, dessen Wirkung möglicherweise durch die Dämpfe verstärkt wurde, die bei der Arbeit mit ihren Materialen entstanden sind.

Niki de Saint Phalle, Neugestaltung der Grotte in den Herrenhäuser Gärten in Hannover, 1998 – 2003 (posthum). Bild: Alex DROP, flickr. (CC BY-NC-ND 2.0)

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