Gräber und Grenzen

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Auch wenn der Sinnspruch „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“ fälschlicherweise Bertold Brecht zugeschrieben wird, ändert das nichts an seinem Gehalt, falls Richtigkeit zu objektiv klingt. Orte des Ge-Denkens sind unter anderem Gräber und Denkmäler, aber auch Kunstwerke, die die physische Existenz des Künstlers überdauern. Ob Marcel Duchamp das mit seiner Grabinschrift auf dem Friedhof von Rouen gemeint hat, „Übrigens sind es immer die anderen die sterben“?

Ein Totensonntag bietet das Sujet auf dem Silbertablett an, aber ich habe noch anderes im Sinn, Grenzsituationen und Grenzen. Die Grenze zwischen Leben und Tod, aber auch zwischen arm und reich, Ost und West, Verstand und Gefühl, Mann und Frau, dir und mir, Tag und Nacht, Geistes- und Naturwissenschaften und vieles mehr. Und etwas, dass sich auf diesen Grenzen ansiedelt, das ein Niemandsland zum Jemandsland macht. Die schmalen Grenzen werden ausgeweitet, verschoben und können plötzlich durchlässig werden. Es entstehen Zwischenräume, das Gedenken der Toten, soziale Gerechtigkeit, Emanzipation, das „Wir“, Humanwissenschaften, alles Ergebnisse der Auflösung von Grenzen durch etwas, das sich dazwischen gebildet hat, funktionsfähige Zwischenwelten und bisweilen Vermittler.

René Magritte: Le blanc-seign, 1965, Katalogphoto

Zurück zu den Gräbern. Die Skulptur von Baltasar Lobo auf seinem eigenen Grab auf dem Pariser Friedhof Montparnasse, oft übersetzt mit „Der Wanderer“ legt nahe, dass das Leben selbst als Zwischenstadium zwischen Geburt und Tod zu sehen. Das ist mir zu novemberlich, zumal der französische Titel „Der Pilger“ schon eher ein zeitlich begrenztes Intermezzo während der Lebenszeit nahelegt. Auch dies kann man als temporäre Ausdehnung einer privaten Zeit zwischen den Notwendigkeiten des Alltags sehen.

Baltasar Lobo, Le pélerin, 1992, http://espritdescalier.de/blog/category/paris/

Die vielfältigsten Bezüge finde ich bei der bereits einmal vorgestellten Gedenkstätte für Walter Benjamin. Errichtet wurde sie im Auftrag der Bundesrepublik von Dani Karavan auf dem Friedhof des spanischen Port Bou. Das Denkmal trägt den Titel „Passatges“ (Passagen) und nimmt vordergründig Bezug auf Benjamins unvollendetes Werk, das Passagenwerk, das in den Passagen von Paris seinen Anfang nahm und ihn dreizehn Jahre lang beschäftigt hat. Neben den Passagen selbst ist deren Beschreibung durch den Surrealisten Louis Aragon in „Le paysan de Paris“ (dt. Pariser Landleben) ein Ausgangspunkt seiner Arbeit. Dieser hatte bereits mit surrealistischem Blick die Passagen als Zwischenwelten beschrieben, hybride Orte zwischen innen und außen, „Aquarien für Menschen“, die einen Durchgang zwischen Straßen ermöglichten und auch heute noch Geschäfte und Lokale enthalten.

Louis Aragon: Pariser Landleben, München 1969. Zwischen S. 128 u. S. 129

Der Begriff „Passagen“ hat jedoch mehrere Bedeutungen, u.a. auch die Überfahrt mit einem Schiff, wie Benjamin sie von Spanien über Lissabon nach Amerika geplant hatte. Die Grenze zwischen Verfolgung und Freiheit konnte Benjamin nicht überschreiten, er wählte daraufhin den freien Tod. Die Lage des Denkmals von Dani Karavan auf der Grenze zwischen Land und Meer symbolisiert diese Grenze. Eine stählerne Treppe führt von einer Klippe hinab zu einer dramatischen Sicht auf das nicht erreichte Meer durch eine Glasscheibe.

Gedenkort ‚Passagen‘
Das Walter Benjamin Memorial des Künstlers Dani Karavan am Friedhof von Portbou, 1990 – 1994.  Foto: Wamito, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Passagen stehen für mich für die Übergänge an Grenzen, für Zwischenwelten, in denen sich Freiräume auftun, die eben nicht mehr durch Grenzen eingeschränkt werden. Die Verbindungen, die sie über Grenzen herstellen sind immaterielle Vermittlungen. In dieser Rolle sehe ich die Kunst, die zwischen Realität und Utopie vermittelt, zwischen dem künstlerischen Blick und dem zweckorientierten, pragmatischen. Auch das Gedenken der Toten ist immateriell, aber welcher Trauernde wird ihre Realität bestreiten? So ist die Trauer eine Besinnung auf die verlorene gemeinsame Vergangenheit und die Kunst eventuell eine Vision der Zukunft.

Noch einmal zu den Gräbern. Das sind natürlich nur Orte mit Steinen oder Kreuzen. Bei ihrem Besuch werden die Toten nicht wieder lebendig. Aber die Erinnerungen bleiben es. Denn nie hat jemals ein Mensch umsonst gelebt.

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