Surrealismus

Der Surrealismus ist meiner Meinung nach neben dem Kubismus die größte und weitreichendste Erneuerungsbewegung innerhalb der neueren Kunst. Fast jeder wird ein Bild vor Augen haben, wenn die Kunstrichtung erwähnt wird.

Der Surrealismus ist vom Ursprung her eine literarische Bewegung mit André Breton als kreativem Zentrum, sowie mehreren Schriftstellern. Durch sein Manifest des Surrealismus lieferte er die theoretische Grundlage und die Legitimation dieser literarischen Richtung. Der Bezug der Kunst zur Realität erfährt hier eine Erweiterung durch das Unterbewusstsein und den Traum. Wenn wir träumen ist das in dem Augenblick auch unsere Realität. Das Unterbewusstsein steuert uns aus dem Hintergrund, die Realität, die mit ihm entsteht legt sich über die bewusst wahrgenommene Realität. Recht schnell schlossen sich auch Maler dieser Richtung an. Das beliebte Bild des Spaniers Salvador Dalís (1904-1989) „Die Beständigkeit der Erinnerung“ zeigt vordergründig das Zerfließen der Zeit mittels der verflüssigten Uhren. Es geht aber nicht um die Zeit an sich, sondern um die Erinnerung und eben ihre Beständigkeit beim Vergehen der Zeit. Auch die Erinnerung ist eine individuelle Realität für jeden von uns an das was so nicht (mehr) da ist. Details wie die Ameisen auf der Taschenuhr und die Fliege thematisieren ebenso Vergänglichkeit, wie die Uhren, Die Landschaft zeigt sich als irreales Traumgebilde, obwohl sie nachvollziehbar in Katalonien existiert, aber eben nicht in dieser träumerisch reduzierten Ansicht. Dalí nannte seine Methode „paranoisch-kritisch“.

Salvador Dalí, Die Beständigkeit der Erinnerung,1931, Museum of Modern Art, New York.
Bild: Tiffany Vaughn, flickr. (CC BY-SA 2.0)

Der Surrealismus erfreut sich großer Beliebtheit. Insbesondere Dalí war und ist ein großer Publikumsmagnet. Dem Auge des Betrachters wird mit technischen Meisterleistungen geschmeichelt. Die Ernsthaftigkeit dieser Kunstrichtung tritt bisweilen in den Hintergrund, das dekorative Wohlgefallen wird Grund für einen austauschbaren Wandschmuck, eine Auseinandersetzung mit den Inhalten ist selten. Da werden die Uhren schnell als Symbol für das Verfließen der Zeit genommen, nicht aber die Erinnerung als eigentliches Thema. Auch bei heutigen (jungen) Kunstschaffenden resultiert das Wohlgefallen oft aus einer hübschen Oberfläche, weshalb die Lehrer meiner Hochschule mit dem Gedanken spielten, ein Plakat mit der Forderung „Kein Surrealismus!“ aufzuhängen. Der häufig zitierte Satz Lautréamonts, den der Surrealismus zur Beschreibung seiner Verfahren herangezogen hat „[…] schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ (Lautréamont, Die Gesänge des Maldoror, 6. Gesang), öffnete der Beliebigkeit Tür und Tor.

Salvador Dalí, Die Versuchung des heiligen Antonius, 1946, Königliche Museen der schönen Künste. Bild: rasiel.com.

Dalí war eine schillernde Persönlichkeit mit widersprüchlichen Eigenschaften. Unwidersprochen wurde sein großes handwerkliches Geschick anerkannt, das sich in der Manier alter Meister, aber mit einer an den Fotorealismus erinnernden Präzision zeigte. Inhaltlich setzt sich Dalí in seinen Bildern mit der Welt der Träume, des Rausches und der Religion auseinander. Ebenso unterstützten ihn Drogen bei seinen Visionen. Seine Sympathie für Franko führte zu einer negativen Einschätzung seiner Person, ebenso wie sein exzentrisches Verhalten. Er wurde zweimal aus politischen Gründen aus dem Kreis der Surrealisten ausgeschlossen. Nach dem ersten Mal bestückte er allerdings weiter ihre Ausstellungen, was aufgrund seiner Funktion als Publikumsmagnet geduldet wurde.

Das Bild mit dem heiligen Antonius entstand im Rahmen eines Wettbewerbs mit Max Ernst. Das noch nicht vorhandene Bild sollte in der Schlüsselszene eines Films über eine Figur aus Bel-Ami von Maupassant eine wichtige Rolle spielen. Max Ernst gewann. Hier kniet Antonius in der linken unteren Ecke des Bildes und wehrt mit einem erhobenen Kreuz die Versuchungen ab, die auf dem Rücken verschiedener Tieren mit stielartig langen Beinen auf ihn zukommen. Dalís paranoisch-kritische Methode bewertete Wahn und Paranoia positiv als nicht gesellschaftskonforme Verhaltensweisen. Das Bild „Die Versuchung des heiligen Antonius“ gibt uns eine Vorstellung davon Zugleich ist es eine Arbeit, die sein Interesse an dem Geschehen zwischen Himmel und Erde spiegelt.

Eine überzeugende malerischen Ausführung der Theorie des Surralismus findet sich bei vielen Surrealisten, auch bei dem Belgier René Magritte (1898-1967). Die Darstellungen sind reduziert auf das Wesentliche, dies aber in präziser Ausführung und oft mit rätselhaften Titeln. Das Bild „La clef des champs“ zeigt ein Fenster, dessen zerbrochene Scherben darunter an die Wand gelehnt sind. Auf diesen Scherben ist aber die vorher durch sie gesehene Landschaft sichtbar geblieben. Eine Auseinandersetzung mit der Fragwürdigkeit unserer Wahrnehmung, finde ich. Der Titel bedeutet übersetzt „Der Schlüssel der Felder“ und beinhaltet eine Anspielung auf den Ausdruck „prendre la clef du champs“ mit der Bedeutung „Das Weite suchen“. Im Normalfall metaphorisch verwendet, wie auch bei uns. In diesem Fall aber kann der Titel genauso gut auch als „Schlüssel zu den Feldern“ wörtlich verstanden werden, auf Deutsch würde man dann das Weite hinter der nahen Fensterscheibe suchen.

René Magritte, la clef des champs, 1936, Museo Nacional Thyssen-Bornemosza, Madrid. Bild: Vincenzo de Geronimo, flickr.

Mit Wahrnehmung kann aber auch diejenige der Kunst selber gemeint sein. Die zerbrochenen Scherben in dem Bild von Magritte könnten eine Anspielung auf unsere Sicht von Wirklichkeit sein, die das Gesehene filtert, so dass einiges gar nicht gesehen wird, oder mit individuellen Unterschieden der wahrnehmenden Personen. Das wohl bekannteste Bild Magrittes mit dem Titel „La trahision des images“, (Der Verrat der Bilder) macht das Filtern zum Thema. Es zeigt eine präzise gemalte Pfeife mit dem sauber geschriebenen Text, dass dies keine Pfeife sei „Ceci n’est pas une pipe“ Hier macht es uns der Künstler einfach, denn wir sehen in der Tat keine Pfeife, sondern nur das Bild einer Pfeife. Letztlich ist Magritte ein Maler, der uns am deutlichsten vor Augen hält, dass die Wirklichkeit, die wir sehen keineswegs mit der Wirklichkeit übereinstimmen muss, wie sie ist. Die Realität wird also hinterfragt, was für die gesamte Kunstrichtung gilt und um eine Komponente ergänzt, die von ihr „surreal“ genannt wird.

René Magritte, La trahision des images, 1929, Los Angeles County Museum of Art, USA, Privatsammlung. Bild: outtacontext (CC BY-NC-ND 2.0)

Gerade bei Magritte ließen sich noch viele weitere Beispiele finden. Fasziniert hat mich ein Bild mit dem Titel „Nachbildung verboten“, auf dem man den Dichter Frank James (ein Befürworter des Surrealismus) von hinten sieht, der vor einem Spiegel steht. Das Spiegelbild aber zeigt ihn ebenfalls von hinten. Ein auf einem Sims liegendes Buch (Edgar Allen Poe, Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym, ein als surreal bezeichneter Roman) wird jedoch korrekt gespiegelt. Der Surrealismus zeigt, dass das was man vordergründich sieht, das verbirgt was dahinter liegt. Das sollen wir wohl hier sehen.

René Magritte, 1937, Sammlung Edward James, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, Niederlande. Bild: Art is a word, flickr. (CC PDM 1.0)

Ich möchte an dieser Stelle meine anfänglichen Ausführungennoch einmal aufgreifen. Wie schon öfter gesagt bildet Kunst Realität ab. Die Realität verändert sich durch Fortschritt im Laufe der Zeit, ebenso wie die Kunst. Die Künstler durchdringen diesen Prozess nicht theoretisch, sondern reagieren aus ihrem eigenen Empfinden auf die jeweils neue Welt. Beim Surrealismus ist das etwas anders. Da er von Schriftstellern begründet wurde, ist ihr Denken von Theorien beeinflusst. Speziell waren das der Marxismus und die Psychoanalyse.

Mit dem Marxismus fanden sie eine Argumentation gegen die bürgerliche Gesellschaft, die mit ihren Ideologien den Kunstbetrieb dominierte und Neuem ablehnend begegnete. Sie dachten die politische Revolution und diejenige des Geistes zusammen.

Inhaltlich hinterließ die Psychoanalyse größere Spuren bei dieser Kunstrichtung. Das Unbewusste erweiterte nicht nur in der Kunst die Vorstellung von Realität. Auch Träume sind für die Surrealisten eine Form von Realität. Neben diesen innermenschlichen Realitätserweiterungen suchten sie auch vergleichbare Phänomene in der äußeren Realität. Dort fanden sie Zusammenhänge, die man als Fügung oder Zufall bezeichnen könnte und nannten es „objektiven Zufall“. Diesem sprachen sie einen Sinn zu, eine im Alltag nicht bemerkte Realität hinter, bzw. über dem Gewohnten, wie sie auch in Religionen oder in der Esoterik postuliert wird. Sie fanden diese Zusammenhänge wie beim „automatischen Schreiben“ unter größtmöglichem Ausschluss des steuernden Bewusstseins, z.B. auf ziellosen Spaziergängen durch Paris. Der Dichter Baudelaire hatte zuvor hierfür die Bezeichnung „Flaneur“ eingeführt. Für ihn war der Flaneur zugleich ein Künstler, der das moderne Leben malte (nach Peter Banners, FAZ, 1.10.2018)

Galerie du Baromètre, eine der Galerien der Passage de l’Opéra um 1866 (Photographie von Charles Marville). Zwischen den Seiten 48 und 49 in der deutschen Ausgabe, Pariser Landleben.

Der Schriftstelle Louis Aragon verfasste auf diese Weise ein illustriertes Buch mit dem (übersetzten) Titel „Der Bauer von Paris“. Er entdeckt magische Orte, wie z.B. Parks oder die Passagen, Verbindungen zwischen Straßen, die mit Geschäften und Cafés aufwarteten. Sie sind Zwischenwelten zwischen Innen und Außen, mit den Worten von Aragon Aquarien für Menschen, oder auch große Glassärge.

Die Kunstwerke, die diesem Prinzip folgten wurden durch zufallsbestimmte Bildverfahren hergestellt. Besonders sind hier die Arbeiten des deutschstämmigen Max Ernst (1891-1976, seit 1958 französischer Staatsbürger) zu nennen. Seine rein malerischen Arbeiten und Collagen erweiterte er durch Techniken wie Frottage, Grattagen, Décalcomanie. Zu den bedeutsamsten seiner malerischen Arbeiten zählen „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskund“, das“ Rendez-Vous der Freunde“ und „Malerei und Surrealismus“.

Max Ernst, „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler“, 1926, Museum Ludwig, Köln. Bild: Hans Olofsson (CC BY-NC-ND 2.0)

Auf dem Bild „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind“ von 1926 sieht man in einer an De Chirico erinnernden Kulisse, die aber „windschief und inkonsistent“ ist (Zitiert nach Weblink Joachim Kahl), die Jungfrau Maria mir ihren deutlichen Attributen, dreieckige Körperform, rote und blaue Kleidung und einem Heiligenschein. Der des Jesuskindes ist während der Züchtigung heruntergepurzelt, was massive Kritik seitens klerikaler Kreise zu Folge hatte. Beobachtet wird die Szene von dem Maler und zwei Freunden.

Das bekannte Bild „Rendez-Vous der Freunde“ ist etwas vor dem gezeigten Bild entstanden. Auf ihm sind erkennbar die Künstler des Surrealismus, sowie ihre geistigen Ahnen abgebildet.     


Untere Reihe von links nach rechts: Der Dichter Rene Crevel (nach links abgewendet) spielt auf einem imaginären Klavier – Max Ernst (Selbstbildnis) sitzt auf dem Knie des bärtigen Dostojewski – Theodor Fraenkel wird fast verdeckt von Jean Paulhan – daneben Benjamin Peret mit Monokel – während von rechts Johannes Baargeld und Robert Desnos mit Riesenschritten ins Geschehen stürmen.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist cc_25894549423_c5d9068f69_b.jpg.
Max Ernst, Das Rendez-Vous der Freunde, 1922, Ludwig Museum, Köln. Bild: jean louis mazieres. flickr.

Obere Reihe von links nach rechts: Philippe Soupault – Hans Arp – Max Morise – Raffael Santi (nach Selbstbildnis von 1506) – Paul Eluard – Louis Aragon mit Lorbeerkranz um seine Hüften – Andre Breton (mit rotem Schal) auf konzentrische Kometenkreise zeigend – Giorgio de Chirico – und als einzige Frau auf dem Gemälde Frau Gala Eluard (ab Oktober 1934 Frau Dali). (Wize.live)

Der Surrealismus und die Malerei:
https://artsdot.com/Art.nsf/O/6WHKQR/$File/Max-Ernst-Surrealism-and-Painting.JPG

Ich erwähnte die Vielseitigkeit des Künstlers bei der Entwicklung von Techniken, die in der surrealistischen Literatur praktizierte automatische Schreibweise auch auf Bilder anzuwenden. Das Bewusstsein willentlich herabzusetzen kann in der Malerei nicht funktionieren, aber Verfahren, die den Zufall und die Phantasie als Werkzeug benutzen schon. Bei der noch heute beliebten Frottage wird ein Blatt auf einen rauen Untergrund gelegt und mit einem Stift abgerieben. Die entstehenden Strukturen können dann weiterbearbeitet werden. Max Ernst hat diese Technik neu belebt. Bei der Décalcomanie wird Farbe auf eine Fläche aufgetragen und dann auf die Leinwand gedrückt. Das Verfahren ist schon älter, wurde aber von Max Ernst ebenfalls aufgegriffen, wobei er allerdings die Flächen außerhalb der Formen, die er darin sah, übermalte und auch dann noch Elemente zur Verdeutlichung hinzufügte.

Max Ernst hat drei Collageromane zusammenestellt. Am besten gefällt mir der Titel des ersten Romans, „la femme 100 tête“, was sowohl als die hundertköpfige Frau, als auch die Frau ohne Kopf und die starrköpfige Frau verstanden werden kann. Die Vorlagen stammten aus Zeitschriften, die im 19. Jhd. mit Holzstichen bebildert waren und Vorlagen anderer Künstler. Das Bild hier stamm aus „une semaine de bonté“, was oft mit weißer Woche übersetzt wird. Damit ist die Woche mach Ostern, in der Täuflinge bis zum weißen Sonntag weiße Kleidung tragen (sollten). Heute ist für Katholiken der weiße Sonntag der Tag der ersten Kommunion. Viel näher kommt jedoch der Titel „Die Woche der Güte“ dem eigentlichen Gehalt, in Anlehnung an eine Einrichtung für wohltätige Zwecke mit dem gleichen Namen. Die Plakate dieser Einrichtung dienten Max Ernst ebenfalls als Materialfundus. Gemeinhin werden diese Arbeiten als nicht interpretierbar beschrieben. Hier ist ein Bild aus dem Mittwoch mit dem Element Blut. Der Vogelmensch repräsentiert gemäß einem kleinen Vorwort des Künstlers Ödipus.

Max Ernst, Collage aus dem Collageroman „Une semaine de bonté“, eine Seite aus den Bildern für Mittwoch. Bild: feral godmother, flickr. (CC BY-NC-SA 2.0)

Neben den Collageromanen und den anderen Techniken hat er als „Kinderspiel“ eine durchlöcherte Dose an einen Faden befestig und mit Farbe gefüllt, so dass sie bei Bewegungen eher zufällige Spuren auf dem Untergrund hinterließ. Der Amerikaner Jackson Pollock hat dieses Verfahren aufgegriffen und zu seinem Markenzeichen entwickelt.

Den Surrealismus in seiner ganzen Breite darzustellen ist selbst in einem umfangreichen Überblick schwer bis unmöglich. Deshalb zeige ich hier eine subjektive Auswahl. Die Schweizerin Meret Oppenheim (1913 – 1955) ist eine der wenigen Frauen in der Bewegung. Sie hatte mit 23 bereits einen fulminanten Erfolg mit ihrer Pelztasse, die direkt vom MoMa aufgekauft wurde.

Meret Oppenheim, Objekt (Frühstück im Pelz), 1936, Museum of Modern Art, New York, USA. Bild: swissinfo, Aargauer Kunsthaus, Ausstellungen Rückschau 2018.

Später empfand sie es als beengend, in der Hauptsache auf diese Tasse reduziert zu werden. Schon früh arbeitete sie mit dreidimensionalem Material. Pelze und Schuhe wurden mehrmals verarbeitet. 1932 fuhr sie nach Paris und lernte die Surrealisten kennen und schätzen. Breton war von ihr beeindruckt, Man Ray fertigte mehrere Fotos von ihr an, woraufhin sie als „Muse des Surrealismus“ galt. Eine tiefe Freundschaft hatte sie mit Alberto Giacometti, eine Zeit lang war sie mit Max Ernst liiert. Mitte der dreißiger Jahre ging sie in die Schweiz zurück und arbeitete dort sowohl zwei- als auch dreidimensional in surrealistischem Stil.

Der Fotograf Man Ray, den ich soeben erwähnte gehörte ebenso zur surrealistischen Szene wie der Filmemacher Luis Buñuel. Die engere Gruppe erweiterte sich beständig in andere Schaffensbereiche, und Länder. Die meisten Künstler waren nicht von Anfang an Surrealisten, manche haben sich später in eine andere Richtung verändert. So ist der Surrealismus als Kunstrichtung recht genau zu beschreiben, aber in seinem vollen Umfang kaum darzustellen. Neben dieser subjektiven Auswahl habe ich mich hier auf die Werke aus Malerei und bei Oppenheim auf Plastik beschränkt.

Zu meinen (weiteren) Lieblingsmalern gehört der etwas zurückhaltende Yves Tanguy (1900 – 1955). Er schien im Schatten seiner großen Vorbilder zu bleiben, kam aber dann zu einem Stil, der die ansprechende Malweise von Dalí auf völlig amorphe Formen anwendete, die mich ein wenig an die zweidimensionalen Elemente Mirós erinnern. Er gestaltete unwirkliche und unendliche Traumlandschaften. In Paris geboren wanderte er zu Beginn des zweiten Weltkriegs nach Amerika aus wo er weiterarbeitete und unter anderem in der Galerie von Peggy Guggenheim ausstellte.

Marie Čermínová, mit dem KünstlernamenToyen (abgeleitet von fr. citoyen, Bürger, also geschlechtsneutral!) (1902 – 1980) war eine surrealistische Malerin aus der damaligen Tschechoslowakei. Ihre Kunst wird als „poetisch“ beschrieben. In Paris lernte sie Breton und Eluard kennen, zu denen der Kontakt nach ihrer Rückkehr nach Prag weiter bestehen blieb. Nach der Besetzung der Rest-Tschechei durch die Nationalsozialisten versteckte sie sich zunächst und lebte erst in Paris, dann wieder bis 1947 in Prag und ab da dauerhaft in Paris.

Ihre Kunst entwickelte sich früh zu einer Richtung, die sowohl Kubismus, als auch Surrealismus als Wurzel hatte, diese aber auch überwinden wollte. Sie nannte es „Artifizialismus“. Die Realität ist nicht Gegenstand dieser Richtung, sondern die Poesie, die die Zwischenräume zwischen den Gegenständen füllt. Auf den Bildern soll die Leere gezeigt werden, die zwischen Gegenständen besteht und die durch die Poesie gefüllt werden soll.

Der Italiener Giorgio de Chirico (1888 – 1978), den ich bei dem Madonnenbild von Max Ernst kurz erwähnte, wird von einigen Surrealisten als Vorläufer angesehen, doch wird er trotzdem oft dieser Kunstrichtung zugeordnet. Seine fast leeren Stadtlandschaften mit perspektivisch exakten Gebäuden und oft einem fast leeren Platz in der Mitte entfernen ihn von einer realistischen Malweise. Trotz der klaren Formen herrscht am Himmel ein diffuses Licht, eine Sonne ist selten zu sehen und trotzdem werfen die Gebäude neben den hell stahlenden Plätzen einen klar umgrenzten Schlagschatten, der so nie vorkommen kann. Scheinbar Gewohntes wird plötzlich fremd und trotz der warmen Farben unheimlich. Ein weiteres für De Chirico typisches Motiv sind Szenen mit gesichtslosen Mannequins, den Figuren, die als Vorlage beim Zeichnen dienen. Auf diese Weise stellte er historische Personen oder inhaltliche Zuschreibungen dar, wie in dem gezeigten Bild.

Zum Schluss möchte ich noch einen Abstecher zu dem Belgier Paul Delvaux (1897 – 1994) machen. Seine träumerischen und poetischen Werke sind trotz ihrer Deutlichkeit irritierend. Oder vielleicht gerade deshalb. Komplizierte Perspektiven und zurückhaltende Farben, sowie oft klassische Hintergründe werden kombiniert mit meist unbekleideten Frauen. Obwohl die Darstellungen als erotisch bezeichnet werden, ist diese Erotik allenfalls sublim. Die Exaktheit der Darstellung erinnert an Magritte, der ihn zum Surrealismus hingeführt hat. Magritte ist aber mit wenigen, deutlich gemalten Elementen in der Form ganz verschieden von Delvaux, dessen Bilder mit großem Detailreichtum aufwarten. Anders als bei Magritte sieht man diese Frauen meist von vorne, allerdings mit ausdruckslosem, geistesabwesendem Blick und etwas überdeutlichen Augen. Ein weiteres Thema Delvaux‘ spiegelt seine Leidenschaft für Bahnhöfe und Eisenbahnen. Hier findet man surrealistische Elemente seltener. Einher gehen diese Bilder aber mit einer dunkleren Farbigkeit. Wenn Personen darauf vorkommen, sind sie meist bekleidet. Wenn sie von vorne gezeigt werden sind ihre Gesichter ähnlich ausdruckslos wie bei den Frauen der anderen Bilder. Das umfangreiche Werk von Delvaux wird oft mit denen von Magritte, De Chirico und Modigliani verglichen. Nach einem Gedanken des Bielefelder Kunsthallendirektors im Gespräch mit Jan Hoet anlässlich einer Ausstellung (2006 – 2007) wäre ein Verweis auf den Zöllner Rousseau mit seiner naiven Malerei ebenso angebracht. Ein überzeugender Gedanke, finde ich, Rousseau wurde von den Surrealisten sehr geschätzt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Rousseau#/media/Datei:Henri_Rousseau_005.jpg).
Hier zwei Bilder aus diesen Themenkomplexen mit einer Art Zwischenglied dazwischen.

Paul Delvaux, Sérénité (Die Ruhe), 1970, Groenigemuseum, Brügge, Belgien. Bild: Brian Cathcart.flickr. (CC BY-NC-ND 2.0)
Paul Delvaux, Les Adieux (Die [Plural] Wiedersehen), 1966, Private Sammlung, Berlin. Bild: Irina, flickr. (CC PDM 1.0)
Paul Delvaux, Solitude (Einsamkeit), 1955, Collection de l’État Belge, Communauté française de Belgique, Brüssel. Bild: Quichottine, Les trains d’Emma 23.06.2012

Die Schlusssätze gehören der Bielefelder Ausstellungsbesprechung:
„Delvaux wurde lange in der Oberliga der Surrealisten übergangen. Dass er einer der besten ihrer Vertreter war, macht die Ausstellung in Bielefeld deutlich“ (Portal Kunstgeschichte, Das Geheimnis der Frau, 14.11.2007.)

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