Wo die Kunst zu Hause ist II

3) Köln Freiluft

Die Idee, für das, was ich hier in Ausschnitten zeige stand ganz am Anfang: Köln von der Kunst auf der Straße aus zu zeigen. Als ich die Architektur mit hineinnehmen wollte, fand ich meist nur lieblos vernachlässigte Ruinen oder Baustellen. Das war der Grund, die Idee zunächst nicht weiter zu verfolgen.

Aber von dem, was schon oder noch da war, will ich nun doch etwas zu Papier bringen. Das ist allerdings ein buntes Durcheinander, von dem vielleicht vieles gar nicht als Kunst akzeptiert wird. Aber der Kunst war das schon immer egal und mir heute auch! Schließlich bin ich doch wieder bei der ursprünglichen Idee angekommen und neben der öffentlich zugänglichen Kunst sowohl ein wenig von der Architektur zu zeigen, allerdings ohne den Dom und die Romanischen Kirchen, darüber gibt es bereits genug zu lesen, sowie auch ein wenig außerkünstlerisches Lokalkolorit. Die Grenzen sind bisweilen fließend. Bis auf das Kolumbamuseum, das ich bereits an anderer Stelle vorgestellt habe sind die anderen Museen inhaltlich immer einen Besuch wert, architektonisch jedoch eher unspektakulär. Ich werde sie in ihrer unwidersprochenen Bedeutung würdigen. Das Käthe-Kollwitz-Museum scheint mir im Rahmen der großen Sammlungen der anderen etwas unterzugehen und bekommt dehalb etwas mehr Raum.

„Der Schwebende“
…von Ernst Barlach befindet sich natürlich nicht in der frischen Luft, aber in der Antoniterkirche in einer belebten Einkaufsstraße. Diese Figur, die auch gerne als Engel bezeichnet wird, wurde aus der Gussform der ersten Skulptur aus dem Güstrower Dom gegossen, die von den Nazis für die Rüstung eingeschmolzen wurde. Leider ging die Gussform später bei einem Bomberangriff verloren. Der Zweitguss für Köln diente dann als Vorlage für einen dritten Guss, der schließlich 1952 seinen Weg nach Güstrow fand.

Ernst Barlach, Der Schwebende, 1939, Zweitguss 1959, Köln, Antoniterkirche.
Links: eigenes Bild (CC BY-NC-SA 4.0, rechts: Horsch, Willy – HOWI, Wikimedia Commons. (CC BY 3.0) – Ausschnitt, aufgehellt)

Ursprünglich für die Gefallenen des ersten Weltkriegs geschaffen, wurde in Köln auch der zweite Weltkrieg zur Mahnung hinzugefügt. Über das Gesicht der Figur sagte Barlach: „In den Engel ist mir das Gesicht von Käthe Kollwitz hineingekommen, ohne dass ich es mir vorgenommen hatte. Hätte ich sowas gewollt, wäre es mir wahrscheinlich missglückt.“ (Ernst Barlach, Brief an Reinhard Piper, 1928)

Faszinierend an dieser Figur finde ich das Zusammenspiel von einem massiv und schwer wirkenden Gegenstand und dem zugleich leicht wirkenden horizontalen Körper, dessen verschränkte Arme eine Sicherheit ausdrücken, die einen Fall ausschließt. Der nach vorne ausgerichtete Kopf mit den geschlossenen Augen unterstreicht diese scheinbare Selbstverständlichkeit.

Der „Walfisch“…
….wird im Volksmund das Gebäude gegenüber der Antoniterkirche genannt, ein Architekturmonument gegenüber der bescheidenen evangelischen Kirche. Sein offizieller Name lautet „Weltstadthaus“. Es wurde von der Textilkette Peek & Cloppenburg in Auftrag gegeben und von dem Architekten Renzo Piano errichtet, der u. a. auch das Centre Pompidou in Paris gemeinsam mit Richard Rogers gebaut hatte. War dessen Architekturstil noch zwischen Moderne und der oftmals spielerischen Postmoderne angesiedelt, wird der Stil des Welthauses mit dem umgangssprachlichen „Wal“ ziemlich treffend beschrieben.

Der Totentanz
Etwas weiter südlich, hinter der Cäcilienstraße befindet sich die Kirche St. Cäcilien. Auf einer Wand dieser Kirche hat der Schweizer Künstler Harald Nägeli einen seiner zahlreichen Totentänze gesprüht. Bei einer für Köln leider symptomatischen Aktion, wurde das Werk durch Mitarbeiter der Abfallwirtschaftsbetriebe versehentlich teilweise zerstört. (Kölner Kommentar: „Saubere Arbeit“!) Mit Einverständnis des Künstlers wurde das Werk 2025 restauriert. Nägeli wurde lange Zeit juristisch verfolgt und viele seiner Werke sind zügig wieder entfernt worden. Erst nach und nach wurden sie als Kunstwerke akzeptiert, wenn auch nicht von jedem.

2024 beschädigter „Totentanz“, Harald Naegeli, St. Cäcilien, Köln. Bild: Elke Wetzig, Wikipedia. (CC BY-SA 4.0).
Harald Naegeli, Totentanz – St. Cäcilien Köln. © Raimond Spekking / via Wikimedia Commons. (CC BY-SA 4.0.)

Naegeli wurde erst 1979 als Spayer von Zürich enttarnt und floh ins Rheinland. Köln faszinierte ihn durch seine zahlreichen katholischen Kirchen, insbesondere die sogenannte Elendskirche in der Südstadt, St. Gregorius im Elend (An St. Katharinen, 50678 Köln).

Elendskirche Köln, Relief Ausschnitt, St Gregorius. Bild: Willy Horsch, Wikipedia. (GNU-Lizenz für freie Dokumentation)

Totentänze als Bildmotiv tauchten erstmals während der damaligen Pestepidemie in der ersten Hälfte des 15. Jh. auf Friedhofsmauern in Paris auf. Holzschnitte davon bewahrten sie vor dem Verschwinden. Als Hausherrin interpretierte die Kirche die Darstellungen in ihrem Sinn als „Momento Mori“, der Aufforderung, angesichts des unvermeidlichen Todes ein gottgefälliges Leben zu führen, um der ewigen Verdammnis zu entgehen. Eine alternative Interpretation plädierte mit „Carpe Diem“, umgangssprachlich „Nutze den Tag“, für den Genuss zu Lebzeiten solange es noch geht.

Köln hat von einigen seiner jüngeren Bürger die typische Variation einer alten Tradition ins Spiel gebracht. Als 1991 der Kölner Rosenmontagszug wegen des Golfkrieges ausfiel, luden gerade die Menschen, die dem spießigen Karnevalsgeschehen den Rücken zugekehrt hatten, zu einer Friedensdemonstration ein. Gespickt mit Kabarettkünstlern und Musikern mutierte die Demonstration zu einer anderen Art von Karnevalszug. Das war die Geburtsstunde der sogenannten „Geisterzüge“, die es bereits im 19. Jhd. noch gab, immer mit Motti engagierter und kritischer Themen. Übrigens auch mit den ersten Sambaklängen auf Kölner Straßen.

Kölner Stadtanzeiger, Februar 1995 (CC Recht am eigenen Bild! 😇😉)

Ein Bild des Autors wurde freundlicherweise vom Kölner Stadtanzeiger festgehalten. Die Gruppe hatte das Thema „Melaten Süd“. Der Melatenfriedhof ist eine begehrte letzte Adresse von bedeuteten Personen, oder derjenigen, die sich dafür gehalten haben.

Die Eistüte…
… befindet sich etwas weiter im Westen auf dem Neumarkt, ein zentraler Platz mit vielen Funktionen. Auf der oberen Ecke eines Hauses befindet sich eine große Skulptur mit einer übergroßen umgestülpten Eistüte. Sie stammt von Claes Oldenburg und seiner Frau Coosje van Bruggen und wurde vom Betreiber der Neumarkt Galerie in Auftrag gegeben und bezahlt.

Claes Oldenburg, Coosje van Bruggen, Dropped Cone, Köln , Neumarkt 2001, eigenes Bild (CC BY-NC-SA 4.0.)

Auf der Suche nach einem Motiv für ihre übergroßen Alltagsgegenstände nahmen sie hier u. a. Bezug auf die vielen Kirchtürme der Stadt. Im Gespräch war wohl auch eine zweite Tüte, um die Domtürme zu persiflieren. Aber auch die Vergänglichkeit des Konsums aufgrund des schmelzenden Eises könnte im Sinne der Künstler gewesen sein. Oldenburg flirtete „stets mit dem Thema »Bedeutungslosigkeit«“, wie die Kölner Stadtrevue schrieb, oder anders ausgedrückt, er spielte gerne mit einer Vielzahl von Bedeutungsmöglichkeiten, die den Betrachtern die Interpretation überlässt. Der englische Titel „Dropped Cone“ gefiel den Künstlern auch, weil darin die Buchstaben der englischen Bezeichnung für Köln stecken. Im Keller des auftraggebenden Kaufhauses wird der Hintergrund beschrieben.

Balzac…
…, der frazösische Schriftsteller aus dem 19. Jhd. befindet sich als Skulptur von Auguste Rodin, in Sichtweite der Eistüte, vor einem Auktionshaus, ebenfalls auf dem Neumarkt. Die realitätsnahe Darstellung des beleibten Schriftstellers im Morgenmantel fand zu Lebzeiten keinen Anklang beim Publikum und eben auch nicht bei möglichen Käufern. Dabei hatte Rodin ausgiebige Studien für diese Skulptur betrieben. So suchte er z. B. den noch lebenden Schneider des Schriftstellers auf und bat ihn, Kleidungsstücke in dessen Größe anzufertigen. Die sehr große Ausführung der Plastik sollte die Größe des Schriftstellers symbolisieren, das Publikum sah darin aber nur ein „übergewichtiges Monster“. So stellte Rodin die Figur bei sich unter. Ein erster Guss in Bronze erfolgte erst nach 22 Jahre nach dem Tod Rodins 1939.

Auguste Rodin, Statue des Honoré de Balzac, 1898 (Gipsmodell)/1939 Bronzeguss, vor dem Auktionshaus Lempertz auf dem Neumarkt, Köln. Es handelt sich um einen Abguss der Originalstatue. Sie wurde im Mai 2022 aufgestellt. Bild: Raimond Spekking. (CC BY-SA 4.0)

Genau wie die Eistüte gegenüber wurde auch die Rodin-Skulptur privat finanziert. Der Kölner Neumarkt ist trotz seiner zentralen Lage eine Problemzone, dichter Verkehr ist ringsum die Regel, auf dem Gelände befindet sich ein Drogenhotspot, nach und nach wird versucht ihn wieder aufzuwerten, z.B. durch die Restauration eines Brunnens. Der Platz ist Teil eine „Masterplans“ für die Aufwertung der Innenstadt. Die Rodin-Skulptur wurde in diesem Zusammenhang zunächst bis 2026 durch die Stadt genehmigt.

Wie eingangs erwähnt gibt es auch in Köln lokale Erzählungen und Figuren, von denen ich einige als Lokalkolorit einstreuen möchte. Hierzu gibt es ein paar Schritte weiter ein Beispiel. In der nächsten Straße befindet sich vom Neumarkt aus gut sichtbar ein Haus mit einem Turm, aus dessen oberen Fenster zwei Pferdeköpfe herausschauen. Sie wurden 1958 dort angebracht, nachdem hölzerne Pferdeköpfe im 2. Weltkrieg zerstört wurden. Sie verweisen auf eine Sage aus dem 15. Jahrhundert.

Wilhelm Müller-Maus (Bildhauer), 1958, Köln, Richmodisstr. 2. Eigenes Bild. (CC BY-NC-SA 4.0)

Die Pest wütete in Köln und rund 20.000 Menschen sollen ihr zum Opfer gefallen sein. Unter ihnen war auch die Bürgermeistergattin Richmodis von Aducht, die sich der Pflege der Erkrankten annahm. Sie sollte auf dem Kirchhof der nahen Apostelkirche beerdigt werden oder wurde es bereits nach einer anderen Version. In beiden Fällen hatten es aber Grabräuber auf den ihr mitgegebenen Schmuck abgesehen. Beim Öffnen des Sarges erhob sich Richmodis verwirrt und die Diebe nahmen Reißaus. Die offensichtlich nur scheintote Frau ging die wenigen Schritte nach Hause und wollte hereingelassen werden. Ein Diener öffnete erschrocken die Tür und berichtete dem Hausherrn, dass seine totgeglaubte Ehefrau vor der Tür stehe. Dieser rief aus, dass eher seine Pferde auf den Turm galoppieren würden, als dass seine Frau vor der Tür stehe. In diesem Moment trampelten die Schimmel die Treppe hinauf. Richmodis wurde wieder gesund und brachte noch drei Kinder zur Welt. Mehrere heutigen Musiker nahmen sich des Themas an und vertonten die Sage. So war das – vielleicht!

Au der Höhe des Turms gibt es einen Eingang zur Neumartpassage. Weiter auf dem ursprünglichen Weg kommt man zu dem Haupteingang am Neumarkt und dem Eingang zum Käthe Kollwitz Museum vorbei. Das befindet sich im Gebäude der Kreissparkasse Köln, die auch Trägerin des Museums ist, was wiederum, wie Wikipedia schreibt, „aus den historischen Wurzeln des deutschen Sparkassenwesens […]“ entstanden ist. Bemerkenswert ist jedoch, dass das Gebäude meiner Meinung nach mit seiner Passage, wie es 1988 durch Hans Schilling im Rahmen einer Sanierung gestaltet wurde, das erste postmoderne Gebäude der Stadt war. Allerdings sind die Merkmale hierfür noch sehr dezent, der bis in die erste Etage reichende Eingang am Neumarkt lässt diesen Eindruck zunächst aufkommen, auch der Innenbereich reicht mit spielerischer Leichtigkeit in die Höhe bis zum Museum. Allerdings befindet sich das gesamte Ensemble gegenwärtig wieder im Umbau.

Das Käthe-Kollwitz-Museum...
…bekommt aus gegebenem Anlass einen eigenen Blog als Intermezzo!

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