Der Blick im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert ist die Zeit der großen Umbrüche, 1848 gab es Revolutionen in Deutschland und Frankreich, Krieg zwischen diesen beiden Ländern 1870/71, explosive Entwicklungsfortschritte in den Naturwissenschaften, allen voran der Medizin und der Technik, die industrielle Revolution, verbunden mit der Entstehung kapitalistischer Unternehmensstrukturen und auf der anderen Seite des verarmten Proletariats.


Claude Monet, Bahnhof Saint Lazare in Paris, Ankunft eines Zuges, 1877, Fogg Art Museum, Cambridge, USA.
The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.

Bedeutsame Veränderungen für die Kunst brachte die Erfindung der Photographie, die die Dominanz in der Welt der Bilder übernahm und meiner Meinung auch die Entwicklung des Schienenverkehrs. Waren bisher geradlinige Verbindungen von A nach B die Regel, entstand plötzlich ein ganzes Netz an Möglichkeiten, Waren und Personen zu befördern. Welche Bedeutung diese Entwicklung hatte, zeigt sich in der vielfältigen Verwendung des Begriffes „Netz“ bis heute. Die neuen Realitäten hielten Einzug in das allgemeine Bewusstsein. In der Kunst integrierte die Malerei des Impressionismus alltägliche, realistische und weniger sonnige Sujets mit teilweise kritischer Intention.

Der erweiterte Blick auf die Welt zeigte sich wohl auch darin, dass komplette Bilder zunehmend vor Ort gemalt worden, während vorher die Arbeiten ausschließlich im Studio entstanden sind. Das erklärt aber noch nicht den Blick, allenfalls seine Motivation. Die Impressionisten schufen nicht mehr ein möglichst naturgetreues Abbild, sondern gaben die Erscheinung des Lichts an der Oberfläche wieder, den Eindruck eines Augenblicks, der beim Betrachter entstand. Fast so schnell wie die Dauer des Augenblicks wurde er auf die Leinwand gebannt.

Claude Monet, La Grenouillère, 1869, Metropolitan Museum of Art, New York. Wikipedia.org

Auf Genauigkeit der Darstellung wurde dabei natürlich nicht geachtet, sie wurde sogar teilweise bewusst vermieden. Kennzeichnend war auch, dass das Bild eines Menschen nicht mehr im Vordergrund stand, sondern Personen fast schon nebensächlich in die dominierende Landschaft eingefügt wurden. Auch hier verlässt man die primäre Fixierung auf menschliche Hauptakteure zugunsten einer Präsentation in einem gleichwertigen Zusammenhang mit der umgebenden Welt.Gleiches findet man auch in anderen Werken, zum Beispiel. bei Renoir oder Max Liebermann.

Camille Pissaro, Pappeln, Eragny, 1985, Museum of modern Art, New York
Max Liebermann, Biergarten in Brannenburg, 1893, Musée d’Orsay, ParisMusée d’Orsay, Paris

Ebenso bei Seurat, einem Künstler, der neue wissenschaftliche Sichtweisen in seine Arbeit aufnahm, indem er durch das Nebeneinandersetzen zumeist reiner Farben eine optische Farbmischung hervorrief, wie sie später auch bei der Erzeugung von farbigen Bildern im Fernsehen angewendet wurde. Diese Malweise wurde Pointillismus genannt. Ein Bildbeispiel folgt am Schluss, hier ein Ausschnitt zur Illustration:

Den Übergang von der einen zur anderen Bildauffassung sieht man sehr gut bei einem Maler, der zumindest dem späten Impressionismus zugeordnet werden kann, Vincent Van Gogh. Der junge, noch suchende Maler hatte in seinen frühen Arbeiten in den Niederlanden noch im naturalistischen Stil Szenen des Alltags gemalt. Das bekannteste Werk aus dieser Zeit sind die Kartoffelesser von 1885, als die Entwicklung des Impressionismus bereits Fahrt aufgenommen hat. Gut erkennbare einzelne Personen, offensichtlich Bauern in einer Atmosphäre, die durch erdige Töne bestimmt wird und die um einen Tisch sitzen während sie ein einfaches Kartoffelgericht verspeisen. Nach eigenem Bekunden wollte er im Stil von Millet arbeiten.

Vincent Van Gogh, Die Kartoffelesser, 1885, Vang Gogh Museum, Amsterdam

Der Mensch rückt zu Zeiten des Impressionismus aus dem Zentrum in ein Netz von Möglichkeiten, Helden werden zu Armeen, die Krone der Schöpfung wird das Ergebnis einer Entwicklung einer natürlichen Auslese und zu einem Opfer von Bakterien.

In der Malerei wird der Mensch als Sujet kleiner, wird Teil einer Landschaft oder einer Gruppe, aber auch in diesem Zusammenhang zwar undeutlicher gemalt, aber präziser gesehen.

Der Prozess bis dorthin lässt sich bei Van Goch unmittelbar nachvollziehen. Dazu kommt, dass das Licht des Südens die Stimmung seiner Bilder ins Gegenteil der Atmosphäre der früheren Arbeiten verwandelt. Helle, sonnendurchschienene und freundliche Werke von einem Maler, der einzig seine ärmlichen Verhältnisse mit in den Süden genommen hat.

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