Die Kuh lacht, andere weinen

„La vache qui rit“, die Vorlage für meinen Blognamen Monsieurquirit, ist eine Käsemarke aus dem französischen Lons-le Saunier. Das Bild der Kuh, die lacht, habe ich in meinen Header eigearbeitet. Der Ort Lons, ein langweiliger Flecken in der Provinz, ein idyllischer Campingplatz mit einem lausigen Restaurant. Aber Sitz einer ausgesprochen bekannten Firma.

Startseite der deutschen Präsentation von La Vache qui rit: lavachequirit.de

Das Firmenlogo stammt von von Benjamin Rabier und ist eine Mise en abyme (fr. abîme), ein Bild im Bild. Hier sind es die Ohrringe aus Käseschachteln, die wiederum die Kuh zeigen mit den Ohrringen usw. Eine künstlerische Verarbeitung davon gab es bei Wim Wenders, dem Comic-Zeichner Franquin (Spirou et Fantasio), Marcel Broodthaers, Marc-Uwe Klings (Das Känguru Manifest). Die Vorgängerzeitschrift von Charlie Hebdo in Frankreich nannte sich Hara-kiri, wobei der letzte Teil des Namens die französische Aussprache für „qui rit“ ist und Mittlerweile auch der eingedeutschte Name des Käseprodukts bei Discountern.

Aber darum ging es mir heute eigentlich gar nicht. Die französische Sprache bevorzugt dort einen Relativsatz, die Kuh, die lacht, wo im Deutschen ein Partizip Präsens verwendet wird, die lachende Kuh. Eine Parallele zu dem Namen eines Pariser Cafés fällt mir hierbei ein: „le chien qui fume“, der rauchende Hund. In der französischen Variante steht das handelnde Subjekt vorne, wird also als das Wesentliche hervorgehoben, die Handlung folgt dahinter, als eine von vielen Möglichkeiten. In der deutschen Sprache ist es andersherum, bei uns steht also die Handlung im Vordergrund. Ich finde die französische Variante präziser, denn eine Handlung ohne jemanden der sie vornimmt kann es nicht geben. Gibt es ein Subjekt, ist es beständig, während seine Handlungen, seien sie einmalig oder wiederholt, vorüber gehen. Der Hund wird nicht ständig rauchen und die Kuh nicht endlos lachen. Ein wenig hin und wieder reicht, der Kunde soll ja auch mal mitlachen. Dies also die Hintergründe für die Wahl meines Namens hier, neben dem Anliegen natürlich, der Kunst nicht nur mit bierernster Ehrfurcht zu begegnen.

Soviel zur Kuh. Der zweite Grund für diesen Beitrag ist biographisch. Eine Kollegin, die damals in Köln zu unserer Fahrgemeinschaft gehörte, erzählte dass ihr Partner bei einer gemeinsamen Therapie aus irgendeinem Anlass begann zu lachen, woraufhin sie in Tränen ausgebrochen sei. Der Therapeut fragte sie daraufhin, Ob sie ihre Tränen für emotional höherwertiger hielt als das Lachen des Mannes. Die damalige Verblüffung angesichts dieser Entdramatisierung des Weinens und vermutlich auch die Tatsache, dass sie als „Belehrte“ so freimütig davon erzählte, hat wohl dazu beigetragen, dass mir dieser Moment bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Aus all dem schließe ich nun, dass Lachen und Weinen zwei Seiten des gleichen Sachverhaltes sind, im weitesten Sinne Gefühlsäußerungen und vor allen Dingen gleichwertig. Wertungen sind emotional nachvollziehbar, aber nicht zielführend. Eine Diskussion über Wertungen ist unsinnig, sie gelten nur für den, der sie vornimmt. Tränen und Trauer haben einen Platz im Leben und ihre Zeit, aber auch nicht mehr. Freude und Lachen bestehen nicht aus ständigen Witzeleien, oberflächlichen Momenten von Heiterkeit. Die Kuh hat kein Dauergrinsen, der Hund ist kein Kettenraucher, der leitende Angestellte leitet nicht nach Büroschluss, sollte er zumindest nicht.

Der Ausdruck von Emotionen ist – gewaltfrei – legitim, in der Kunst finden wir vieles davon wieder, nehmen wir nur einmal den Expressionismus. Aber auch hierzu gibt es ein Gegenstück, den Impressionismus. Mehr als zeitlich isolierte Stilrichtungen, bilden sie meiner Meinung nach gemeinsam die Grundlage für jegliche Kunst: Eindrücke ausdrücken.

Für mich ist dieses Zusammenspiel von Freude und Trauer, Lachen und Weinen tröstlich, bleibt doch selten etwas für ewig. Unterschiedliche Werte haben Lachen und Weinen nicht, aber am Ende ist Humor, wenn man trotzdem lacht.

Die Angaben über die künstlerischen Weiterverwendungen habe ich entnommen aus: https://de.wikipedia.org/wiki/La_vache_qui_rit

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