Expressionismus Teil 1 (Die Brücke)

In meinem Bewusstsein ist der Expressionismus eine Richtung, die hauptsächlich aus dem deutschen Sprachraum stammt. Eine Ausschließlichkeit ist hieraus nicht abzuleiten, ein Beispiel wäre der Franzose Georges Rouault. Da aber auf Wikipedia 302 expressionistische Maler aufgelistet sind, erscheint mir eine Auswahl sinnvoll. Ich beschränke mich dabei auf die Künstler der Münchener Vereinigung, »Blauer Reiter« und die Dresdener »Brücke«. Erwähnenswert wäre eventuell noch der »Rheinische Expressionismus«, mit August Macke als bekanntesten Vertreter. Diese Gruppe setzte sich dezidiert von der »Brücke« als zu aggressiv ab.

Ernst Ludwig Kirchner, Eine Künstlergemeinschaft, 1926/27, Museum Ludwig, Köln. Lizenzfrei über Wikiart.

Diese Kunstrichtung wird geprägt durch die Gruppe »Brücke« und die Künstler des »Blauen Reiters«. Die »Brücke« hatte eine starke Homogenität, ohne allerdings die Individuellen Stile zu vereinheitlichen. Zu sagen was der Expressionismus ist, fällt schwerer, als zu sagen, was er nicht ist. Er ist eine bewusste Gegenbewegung gegen den Impressionismus, nicht naturgetreu, nicht konventionell und nicht bürgerlich. (Wikipedia) Der scheinbare Gegensatz zwischen den homogenen Gruppen und der künstlerischen Individualität ihrer Mitglieder wird überwunden, indem sich der Expressionismus als geistige Haltung versteht. Ernst Ludwig Kirchner in seinem Programm von 1906 dazu:

„Mit dem Glauben an Entwicklung an eine neue Generation der Schaffenden wie der Geniessenden rufen wir alle Jugend zusammen und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergiebt, was ihn zum Schaffen draengt.“

Konkret beinhaltete das jedoch, dass die Gruppe einem möglichst einheitlichen Stil folgte, skizzenhafte Formen, kräftige Farben und wenig Details. Als positives Ziel des Expressionismus könnte der Versuch bezeichnet werden, subjektive Regungen auszudrücken, sie gaben „ein ‘durchfühlt‘ interpretiertes Motiv weiter.“ (Wikipedia)

Ernst Ludwig Kirchner, (1880-1938) schloss sich als Autodidakt mit mehreren anderen Künstlern, zu denen noch weitere hinzukamen, zur Künstlergemeinschaft »Brücke« zusammen, die sich 1913 wieder auflöste. Zunächst in Dresden ansässig, zog er 1911 nach Berlin. Hier entstanden seine bekanntesten Bilder, u.a. mehrere Straßenszenen. Er fand zu einer kantigen Formensprache. Deutlich zu erkennen ist die Abwendung von natürlichen Farben und Formen.

Sein Leben verlief unruhig, er meldete sich zu Beginn des ersten Weltkrieges freiwillig zum Militär, war den Strapazen aber nicht gewachsen. In Sanatorien wurde er drogenabhängig. Er erholte sich in Davos, in der Schweiz und fand im Laufe der Zeit immer mehr Zuspruch. Nach 1925 wurde sein Stil abstrakter, gegenständlicher und flächiger, wie auf dem Selbstportrait zu sehen. Etwas später malte er mit „Eine Künstlervereinigung“ das Bild einiger der Mitglieder der »Brücke«, die aufgrund eines Streits um eine von Kirchner erstellte Chronik schon längst aufgelöst war. Kirchner hält auf dem Bild ein Schriftstück in der Hand, dass die Chronik andeuten könnte. So war es vielleicht eine späte Wiedergutmachung gegenüber den damaligen Mitgliedern. Neben Kirchner sieht man von links nach rechts Otto Müller, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Zu der Gruppe stießen später Max Pechstein und Emil Nolde, sowie mehrere zahlende Passivmitglieder.

Karl Schmidt-Rottluff (1884 – 1976) hat trotz des Gebotes der Gruppe, einer bildnerischen Einheitlichkeit, durchaus einen eigenen, wiedererkennbaren Stil entwickelt. Zwar folgte er den Vorgaben einer intensiven Farbigkeit und vereinfachten Formen, doch tragen diese eindeutig seine Handschrift.

Sehr häufig fuhr Schmitt-Rottluff an die Ostsee, teilweise auch mit Max Pechstein, der später zu der Gruppe stieß und 1912 ausgeschlossen wurde. An der Ostsee malte Schmidt-Rottluff bei gleichbleibender Formensprache zahlreiche Landschaften und Akte, die farblich etwas zurückhaltender waren und häufig den Komplementärkontrast Rot-Grün aufweisen. Er nahm übrigens auch an Ausstellungen der »Berliner Secession« teil vermutlich mit Genehmigung der Gruppe, außerdem an mehreren Ausstellungen weiterer Guppierungen, bis zu seiner Dienstzeit im ersten Weltkrieg. Seine Bekanntheit und Anerkennung wuchs, bis 1937 seine Bilder als entartete Kunst beschlagnahmt wurden, teilweise in der gleichnamigen Ausstellung gezeigt, sowie in Teilen vernichtet wurden. Posthum wurden Werke von ihm auf der Documenta 1 ausgestellt.

Otto Mueller (1874 – 1930) wurde 1910 Mitglied der »Brücke«, nachdem er eine sehr eigenwillige künstlerische Entwicklung durchmachte. Nach einer Litografenlehre studierte er an der Kunstakademie Dresden, wo er mit den Korrekturen, die man ihm für seine Bilder nahelegte nicht einverstanden war. Er wollte dann in München studieren, wurde aber von Franz von Stuck abgelehnt. In Berlin schließlich gelang es ihm nicht, in die »Berliner Secession« aufgenommen zu werden, woraufhin er mit anderen Künstlern die »Neue Secession« gründete.

Seine Bilder sind meisten sehr charakteristische Aktdarstellungen in Landschaften. Die Figuren sind sehr schlank, mit teilweise eckigen Körperkonturen, meist mit einem schwarzen Umriss. Obwohl dies auch ein Kennzeichen für Comics ist, sind die Bilder von Mueller von einer sehr dezenten Farbigkeit. Ihm ging es in seinen Arbeiten darum, Menschen und die Natur in einer friedvollen Verbundenheit darzustellen.

Otto Mueller, Landschaft mit Badenden, 1915, Berlinische Galerie, Sammlung Ferdinand Möller, Berlin. Public Domain, Bild: via Wikimedia.

Mueller wurde 1915 zum Militär eingezogen, wo er mit einer schweren Lungenerkrankung 1917 ausschied. Während einer Professur in Breslau fand er Gefallen am Leben in der Bohème. Als sein Hauptwerk gilt eine Reihe von Lithographien mit Sinti und Roma, die damals freilich noch anders genannt wurden und bei denen er eine Zeit lang lebte. Mueller starb 1930 an einer Tuberkulose. Seine Bilder wurden als entartete Kunst beschlagnahmt, einige wurden in der gleichnamigen Ausstellung gezeigt. Bei seinen Arbeiten kann man sehen, wie die Vorgaben der Gruppe mit kantigen und reduzierten Details, mit dem eigenen Stil des Künstlers umgesetzt wurden. Die aggressive Farbigkeit der anderen Künstler findet man bei ihm nicht, sondern eine Farb- und Formkombination, die eine friedliche Stimmung ausstrahlt, womit die Einheit von Mensch und Natur mit modernen Formen einen perfekten Ausdruck gefunden hat. Diese Einheit war jedoch ein Anliegen der gesamten Gruppe, nur hatte jeder dafür eine andere Ausdrucksform gefunden.

Erich Heckel (1883 – 1970) hatte wie die anderen Mitglieder, bedingt durch die beiden Weltkriege und der Naziherrschaft, ein bewegtes Leben. Bevor er der Gruppe als Gründungsmitglied beitrat, arbeite auch er an natürlichen Umgebungen und Akten. Während es 1. Weltkrieges ließ er sich als Sanitäter ausbilden und hatte eine geregelte Dienstzeit in Flandern, die ihm Zeit für seine Arbeiten ließ. Dort traf er auf Max Beckmann und James Ensor, seine Kontakte, auch zu Schriftstellern waren zahlreich. Auch er fiel unter das Verdikt der entarteten Kunst, über 700 Bilder wurden beschlagnahmt, viele wurden verbrannt, sein Atelier wurde später durch einen Bombenangriff zerstört und schließlich verbrannten seine in einem Bergwerk ausgelagerten Gemälde durch Brandstiftung.

Erich Heckel, Die Geschwister, 1913, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Als Beutekunst Rückgabe an die Sammlung Fischer im Virginia Museum of Fine Arts.) Bild: jean louis mazieres, flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Nach dem Beitritt zur »Brücke« passte er sich dem Gruppenstil an, entwickelte aber dann seine eigenen Darstellungsweisen ähnlich wie Mueller mit gebrochenen Farben, allerdings farbenfroher, sowie mit reichhaltigeren Formen. Zusätzlich zu seinen Gemälden fertigte er zahlreiche Holzschnitte und Druckgrafiken an. Naturnahe Darstellungen mit gedämpften Farben nach dem 1. Weltkrieg wurden in seinem Spätwerk durch stärker expressionistische Ausdrucksformen abgelöst, der Abbildungscharakter wurde zurückgenommen zugunsten von Formen.

Erich Heckel, Gläserner Tag, 1913, Neue Pinakothek, München. Bild: jean louis mazieres. (CC BY-NC-SA 2.0)

Max Pechstein (1881 – 1955), der einzige akademisch ausgebildete Maler der Gruppe, war nur zeitweise Mitglied der »Brücke«. Er stieß später dazu und wurde 1912 ausgeschlossen, weil er als Mitglied entgegen einem Gruppenbeschluss an einer Ausstellung der »Berliner Secession« teilnahm.

Pechsteins Bekanntheit und Anerkennung wuchs, bis 1937 seine Bilder als entartete Kunst beschlagnahmt wurden, teilweise in der gleichnamigen Ausstellung gezeigt, sowie in Teilen vernichtet wurden. Nach dem Krieg fasste er wieder Fuß, wurde Professor an der Hochschule für Bildende Künste, nahm kurz vor seinem Tod an der 1. Documenta teil. Im Regime der DDR hatte er nur noch wenige Ausstellungen.

Max Pechstein, Aufgehende Sonne, 1933, Städel Musum Frankfurt. Bild: Allie_Caulfield, flickr. (CC BY 2.0)

Sehr häufig fuhr er mit Schmitt-Rottluff an die Ostsee und passte seine immer noch ausdrucksstarken Farben den Motiven an. Er folgte dem Anliegen der Gruppe durch Naturdarstellungen, die ebenfalls die Harmonie von Menschen und der Natur zum Ausdruck brachten. Eine besondere Stellung nimmt seine Südseereise ein, die die gleichen Ziele verfolgte, aber fern von der europäischen Kultur, die hier Grenzen setzte.
Link zu einem dieser Bilder. Dem Palau Triptychon von 1917: https://www.flickr.com/photos/hen-magonza/27085724018

Von seiner Frau Lotte existieren zahlreiche sehr typische Bilder, die eine große emotionale Verbindung spüren lassen. Die lange Verbindung dauerte bis 1923. Emil Nolde denunzierte ihn später als Juden, was Pechstein allerdings widerlegen konnte. Nolde entschuldigte sich nie.

Emil Nolde (1867 – 1957), der schon bei Max Pechstein mit seiner Denunzierung erwähnt wurde, war nur von 1906 – 1907 Mitglied der »Brücke«, brachte aber einige Neuerungen und Kontakte ein, die der Künstlergruppe eine größere Bekanntheit und wirtschaftliche Verbesserungen verschafften. Die Denunzierung war Ausdruck seiner grundsätzlichen positiven Einstellung zum Nationalsozialismus und Antisemitismus. Das hatte mich abgeschreckt und eigentlich sollte man ihn daraufhin eigentlich nicht behandeln. Allerdings war er der erste moderne Maler, den ich als sehr junger Mensch kennenlernte und von dem ich absolut begeistert war. Das hat mich zu dem Entschluss geführt, das phantastische Werk dieses Künstlers von seinen politischen Abweichungen zu trennen. Zwar kamen auch seine Bilder zur Ausstellung der »Entarteten Kunst«, aber er kam aufgrund seines Renommees und seines hohen Einkommens noch relativ glimpflich davon. Beschlagnahmte Bilder erhielt er zurück, offiziell weil er dänischer Staatsbürger war, seitdem sein Heimatort Dänemark zugeschlagen wurde. Nach 1945 versuchte er seine fragwürdige Vergangenheit zu verschleiern und sich sogar als Opfer darzustellen.

Der Name Nolde war der seines Heimatortes und allein daran sieht man schon seine enge Verbundenheit mit den nördlichen Regionen. Natürlich durchlief auch er mehrere Lebensstationen, bis er mit seinen mittlerweile sehr farbig gewordenen Bildern von dem Malern der »Brücke« auffiel, die ihn zur Mitgliedschaft bewegten. Zu dieser Zeit hatte er noch ein kosmopolitisches Selbstverständnis, bereiste unter anderem Afrika, das ihn faszinierte.

Sein großes künstlerisches Werk gerät bei dieser Lebensgeschichte fast in den Hintergrund. Nolde hat ohne äußerlichen Einfluss recht schnell zu starken Farben gegriffen, weshalb er den Expressionisten auffiel. Seine Sujets war am Anfang oft religiös, auch seine Afrikaerfahrungen finden Ausdruck. Immer wieder schienen ihn Menschen zu interessieren. Dauerhaft zogen sich maritime Themen durch sein Werk.

Emil Nolde, Hohe Sturzwelle, 1948, Nolde Stiftung Seebüll. Bild: FaceMePLS, flickr. (CC BY 2. 0)

Weitere Bildbeispiele ohne Freigaben:
Religiöse Themen: https://www.moma.org/collection/works/79494
https://kultur24-berlin.de/emil-nolde-nazi-genie-oder-beides/04-emil-nolde-das-verlorene-paradies-1921-900/

Nördliche Landschaft:
https://www.nolde-stiftung.de/ausstellung-2015/

Menschen: https://aos-magazine.com/2020/01/08/emil-nolde-biografie-leben-und-bilder-des-deutschen-malers/
https://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Uebersicht/Unerwartete-Perspektiven-auf-Emil-Nolde

Afrika: http://sammlung-online.kuma.art/node/3536
https://www.flickr.com/photos/63653473@N07/11603639735

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