Lyonel Feininger

Lyonel Feininger (1871 – 1956) war der Sohn zweier deutsch-amerikanischer Musiker. Mit 16 kam er auf einer Konzertreise der Eltern nach Deutschland und durfte Kunst studieren, obwohl die Eltern ein Violinstudium in Leipzig vorgesehen hatten. Mit 19 ging er nach Paris, kehrte aber wieder nach Deutschland zurück und wurde hier ansässig. In seiner ersten Schaffensperiode war er Zeichner, der für mehrere Zeitschriften tätig war und zu recht großer Bekanntheit kam.

1912 hatte Feininger Kontakt mit dem »Blauen Reiter«, 1924 gründete Jawlenskys Freundin und Förderin Galka Scheyer »Die Blauen Vier« als Fortsetzung des Blauen Reiters mit Feininger, Kandinsky, Klee und Jawlensky. Sie wollte damit Jawlensky fördern und organisierte eine Ausstellung in Amerika. Der finanzielle Erfolg ließ zu wünschen übrig, aber die umtriebige Förderin sammelte Mosaiksteinchen der Bekanntheit der vier Künstler, wovon insbesondere Feininger bei seinem späteren Leben in Amerika profitierte, auch wenn er dort nicht den Ruhm erreichte, der ihm in Deutschland beschieden war, bevor er fliehen musste.

Unbekannter Autor, Galka Scheyer, Galeristin in San Francisco, mit Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Paul Klee und Alexei Jawlensky. Bild: Kontext, Ausg. 448, 30.10.2019.

1918 unterlag Feininger als Amerikaner in Deutschland Reisebeschränkungen und zog sich in den Harz zurück. Er intensivierte noch einmal seine künstlerische Auseinandersetzung mit der Architektur verschiedener Regionen. Selbstverständlich kannte Feininger die verschiedenen Stilrichtungen der modernen Kunst und entwickelte auf der Basis von Futurismus und Kubismus seinen persönlichen Stil, er nannte ihn Prisma-ismus, was man an den »Türmen über der Stadt (Halle)« weiter unten gut nachvollziehen kann. Er zerlegte Gebäude- und Stadtansichten in linear begrenzte Flächen, die sich überschneiden, oftmals überlagern und auf eine kristalline Art transparent wirken. Durch die Kombination von hellen und dunklen Arealen erzeugt er mit den zuvor erzeugten Flächen wieder einen räumlichen Eindruck.

Lyonel Feininger, Markthalle von Zottelstet II, 1927, Sothebys Auktionshaus. Bild: Ganalf’s Gallery, flickr. (CC BY-NC-SA 2.0)

https://id.smb.museum/object/966891/teltow-ii
Die früheren Arbeiten, wie Teltow II sind noch in eher gedeckten Farben gehalten und stärker in Flächen mit ähnlichen Winkeln gestaltet, als spätere Werke mit freieren Formen, wie Die Stadthalle von Zottelstedt, Gelmeroda IX und die Marktkirche von Halle.

Lyonel Feininger, Gelmeroda IX, 1926, Museum Folkwang, Essen. Bild: Allie_Caulfield, flickr. (CC BY 2.0)
Lyonel Feininger, Marktkirche in Halle, 1930, Pinakothek der Moderne, München. Bild: jean louis mazieres, flickr. (CC BY-NC-SA 2.0)

Bei den letzten beiden Bildern fällt auf, dass Menschen im unteren Bereich dargestellt sind, die formal stark reduziert und sehr klein sind. Dadurch wird die Architektur, die bei Kirchen ja durchaus himmelstrebend genannt werden darf in ihrer Ausrichtung nach oben überhöht. Aber auch bei anderen Bildern werden Menschen sehr reduziert und zurückhaltend dargestellt.

Feininger durchstreifte die deutschen Landschaften vorzugsweise mit dem Fahrrad und fertigte dabei unzählige Skizzen an, aus denen er später seine Ölbilder entwickelte. Ausgesprochen häufig sind Architekturdarstellungen vertreten, so dass es nicht verwundert, dass er seit 1919 am Weimarer Bauhaus arbeitete und lehrte. Auch als das Bauhaus nach Dessau umsiedeln musste, arbeitete er weiter in seinem Auftrag, ließ sich aber von Lehrverpflichtungen entbinden, Gropius wollte ihn jedoch weiter als Meister behalten.

In Dessau traf er auf Hermann Klumpp, der am Bauhaus, studierte und zu einem Freund der Familie Feininger wurde. Klumpp unterstützte die Feiningers 1937 bei der Flucht nach Amerika und arrangierte auch den Transport der Bilder nach USA. Bei ihm in Deutschland verblieben ca. 60 Ölbilder, von denen Feiningers Frau Julia nach dem Krieg einige beanspruchte, sowie zahlreiche Holzschnitte und Lithographien. War Feininger im Nazideutschland entartet, galt er in der DDR als dekadent. Man interessierte sich erst für seine Werke bei Klumpp, als 1970 hohe Dollarbeträge als Wert geschätzt wurden. Die Bilder wurden zunächst von dem DDR-Regime sichergestellt, Klumpp konnte allerdings seine Eigentumsrechte nachweisen. Die Bilder, die er vorher nur privat zeigen konnte, fanden erst 1986, ein Jahr vor seinem Tod eine dauerhafte Präsentation im einzigen Feininger-Museum der Welt in Quedlinburg. Trotzdem sind Feiningers Arbeiten weltweit verteilt, so dass man sie in größerer Zahl nur bei Ausstellungen bewundern kann. Im Kunstmuseum Moritzburg in Halle sind drei der elf Bilder zu sehen, die Feininger im Auftrag der Stadt zu Stadtansichten angefertigt hatte.

Lyonel Feininger, Türme über der Stadt (Halle), 1931, Museum Ludwig, Köln. Bild: genibee, flickr. (CC BY-NA 2.0)

Bei dem Bild »Türme über der Stadt«, das die Marienkirche und den später zerstörten Roten Turm zeigt, wird die kristalline Struktur von Feiningers Bildern deutlich, Flächen werden vervielfacht und überlagern sich transparent, wie durch ein Prisma gesehen. Das Ölbild bekommt so den Charakter eines Aquarells mit dem dort üblichen lasierenden Farbauftrag. Feininger arbeitete aber auch in Öl mit verschiedenen Schichten, oft übermalte er eine gespachtelte Farbschicht später mit dünnerer flüssiger Farbe.

Obwohl der Schwerpunkt Feiningers auf Architekturdarstellungen lag, gab es zwischen dem Frühwerk und den späteren Bildern noch eine zweite Schaffensperiode, die ich an den Schluss stelle, weil sie mir besonders am Herzen liegt, die Seestückte, oftmals mit Segelbooten, die bei seinen zahlreichen Aufenthalten an mehreren Orten an der Ostsee entstanden sind. Obwohl sie häufig gezeigt werden, wenn es um Feininger geht, sind legale Abbildungen davon recht selten, so dass ich für den »Stillen Tag am Meer« nur zwischen einem Katalogumschlag und einer Reproduktion wählen konnte.

Lyonel Feininger, Stiller Tag am Meer, 1929, Privatsammlung. Bild Buchumschlag.

Die hier sehr spitz zulaufenden Segel folgen dem gleichen Prinzip, wie bei dem Kirchturm auf dem Bild »Gelmeroda IX«. Himmelwärts strebend, was ja für Kirchtürme Programm ist, bekommen die Motive einen sphärischen oder mystischen Charakter. Karin Plaschy (2002/03) erwähnt, dass Feininger in seinen Werken auch einen religiösen Ausdruck sieht.

Dass Feininger als Bauhaus-Lehrer einen engen Bezug zur Architektur hat, liegt auf der Hand. Bei seinen Seebildern verwendet er aber die gleiche Malweise und erhält dabei sehr maritime Ausdrucksweisen. Ich sehe in ihm hier so etwas, wie einen Architekten des Wassers.

Lyonel Feininger, Jachten (Sailboats), 1929, Detroit Institute of Arts. (CC0)

Sein Bild Vogelwolke wurde in der Fernsehserie „100 Meisterwerke“ vorgestellt. Die architektonischen Prinzipien seiner Kirchenbilder überträgt er, wie bei den Bildern mit Booten, auch hier auf das maritime Motiv. Die Natur ist gebändigt in geometrische Strukturen, das Meer mit seinen kleinen Wellen ist durch strenge waagerechte Linien strukturiert und trotzdem verleihen die kleinen Schaumkronen, die aus der Symmetrie entspringen dem unteren Teil eine ruhige Lebendigkeit. Die Wolke steht in transparenten Formen ruhig in Strandnähe über dem Meer. Die kleine aus dem Zentrum herausgerückte Andeutung einer menschlichen Figur bringt, wie bei den Kirchenbildern mit Menschen, die Größe der Welt gegenüber dem kleinen, unbedeutend scheinenden Lebewesen zur Geltung. Zurecht zieht das Video hier eine Parallele zu Caspar David Friedrichs »Mönch am Meer«.

Lyonel Feininger, Vogelwolke, 1926, The Harvard University Art Museums. Busch-Reisinger Museum, Cambridge, USA. Standbild aus dem Video »100 Meisterwerke«.

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