Der Tod und die Zeit davor (2) – Ars Longa Vita Brevis

Einige Bilder des niederländischen Barocks haben als Vanitas-Stillleben die Vergänglichkeit alles Irdischen zum Thema. Die Deutung der jeweiligen Symbole überlasse ich dem Erklärungseifer von Kunstlehrern, die meisten sprechen für sich und dürften bekannt sein.

Pieter Claez, Vanitas-Stillleben mit Selbstbildnis, ca. 1628. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg.

Obwohl alle Symbole die Flüchtigkeit von weltlichem Besitz und Streben aufzeigen, sind es doch Gegenstände, die vor ihrer Entwertung durch den Tod den Reichtum von Genuss und anderem Vergänglichen ausmachten. Im Abgesang also noch eine Referenz an die Dinge, die das Leben einst schön machten. Auch die detailgetreue Abbildung der Gegenstände, die man in allen diesen Bildern findet, schmeichelt dem Blick des Betrachters und stellt die Materialität dieser Dinge und ihre sinnlichen Wahrnehmug in den Vordergrund. Einen kleinen zusätzlichen Verweis auf Beständigkeit liefert z.B. Pieter Claez in seinem Stillleben durch sein gespiegeltes Selbstportrait in der Glaskugel. Es beinhaltet das Überdauern des Künstlers durch sein Werk gegenüber dem mahnenden Schädel des Todes.

Auch später gab es immer wieder bildliche Auseinandersetzungen mit dem Tod. Eine eigene Stellung nehmen dabei die Arbeiten des Belgiers James Ensor ein. In seinem Hauptwerk aus dem 19. Jhd. entstanden neben seinen bekannten Maskenbildern zahlreiche Bilder mit Skeletten.

James Ensor, „Rêves de nacre“, 1896, Königliches Museum der Schönen Künste, Antwerpen, bekannt als „Der Skelettmaler“.

Allerdings sind dies keine traurigen Gestalten, sondern lebenslustig erscheinende, auch sarkastische Darstellungen von menschlichen Skeletten. Ihr Ziel ist nicht die Lebensfreude angesichts des Todes zu thematisieren, wohl eher die empfundene Absurdität des Lebens mit dem Tod als universellem Ende. Ein Bild zeigt zwei Skelette, teilweise bekleidet, die sich um einen Bückling streiten, indem sie wie Hunde jeder an einem Ende ziehen. Die französische Aussprache für den Räucherhering, hareng saur erinnert dabei an den Namen Ensor. Er thematisierte hier die Zukunft seines Werks in den Klauen der Kritiker. Die Kunst währt länger als das Leben, der Maler selbst verwest derweil. Ein „Selbstportrait“ zeigt ihn als Hundertjährigen in seinem prognostizierten Zustand. Auf einem anderen Bild sieht man ein gut gekleidetes Skelett malend vor einer Staffelei. So sah Ensor wohl schon seinen Tod während des Lebens, seine Vergänglichkeit, während sein Werk ihn überleben wird. Diese Absurdität liefert den Hintergrund für seine Darstellungen.

Ein äußerlich verwandtes Motiv findet sich bei Arnold Böcklin:

Arnold Böcklin: Selbstporträt mit fiedelndem Tod, 1872, Nationalgalerie, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin.

Der Maler steht in einem Selbstportrait offensichtlich vor einer Staffelei, Pinsel und Palette in den Händen. Er wendet den Kopf leicht zur Seite, eine gelungene bildnerische Umsetzung des Zuhörens. Hinter ihm sieht man den oberen Teil eines Geige spielenden Skeletts. Der Tod spielt sein Lied, ein wenig wie bei den Totentänzen, er ist als Ankündigung präsent im Leben. Seine Zeit wird kommen, der Maler hört zu und versteht. Aber eins nach dem anderen. Auch wenn der Tod hinter ihm steht, hat er noch ein Leben vor sich und in diesem Augenblick ein Bild das er malt. Ein Bild, das nach seinem Tod weiter existiert und in gewisser Weise er in ihm. Das kleine Selbstportrait von Pieter Claesz in der Kugel erzählt uns das Gleiche. Ars longa, vita brevis, die Kunst überdauert das Leben, aber nicht als Absurdität wie bei Ensor, sondern als unvergängliche Existenz durch das Werk. Die Ziele seines Lebens muss ein Mensch selber bestimmen. Wenn man sich aber auch dem Bewusstsein über sein endgültiges Ende stellt, beinhaltet der Tod die Motivation, seine Zeit bis dahin nicht zu verschwenden, sondern sinnvoll, vielleicht für Dauerhaftes, zu nutzen. Und warum nicht auch zu genießen?

Mir ist bewusst, dass die ursprüngliche, auf Hyppokrates zurückgehende Formulierung anders lautet: Vita brevis, ars longa. Da diese Umstellung nur die Form betrifft, wollte ich hier auf die Referenz an das Stück von Nice aus dem Jahre 1968 nicht verzichten.

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