Eine Fahrt ins Blaue

IKB 67, 1959

Yves Klein ist vor allem für seine einfarbigen blauen Bilder bekannt. Man kann, nach­vollziehbar, die Frage stellen, was das soll, bisweilen ergänzt durch den Nachsatz, das könne man auch selber machen.  Ja – hat man aber nicht! Es gibt immer mal wieder Künstler, die zu einem bestimmten Zeitpunkt eine eigentlich sehr einfach erscheinend Idee umsetzen, oftmals kombiniert mit einer Kritik, die das bisherige Geschehen in Fra­ge stellt. Lucio Fontana mit seinen Schnittbildern sehe ich in dieser Position und kürz­lich erst Banksy. Jeder andere, der diesen Beispielen zu folgen versucht, kann sich nur als Nachahmer präsentieren.



Lucio Fontana, Concetto Spaziale, Attese, 1961, Submitted by: Luca Sorheim (http://www.mondieu.nu/mishmash/fontana/).

Die ersten, die diese Ideen in ihrer Arbeit sichtbar machten, haben hingegen jedes Recht, an ihren Konzepten weiter zu arbeiten. Genau das hat Yves Klein gemacht. Von 1955 bis 1960 hat er mit der Zusammensetzung der Komponenten für die Farbe expe­rimentiert, ebenso mit den Bindemitteln, die zunächst die Leuchtkraft herabsetzten. 1960 hat er das Ergebnis als IKB, International Klein Blue, patentieren lassen.

Neben den monochromen Bildern hat Klein in einem Vorgriff auf Konzeptkunst und als Wegbereiter der Kunstform Performance seine Anthropometrien inszeniert. Menschen, deren Körper mit frischer blauer Farbe gefärbt waren hinterlassen mit ihren Bewegun­gen auf einem weißen Untergrund blaue Spuren.

Galerie Internationale d’art contemporain, Paris, Franc © Photo : Harry Shunk and Janos Kender © J.Paul Getty Trust. The Getty Research Institute, Los Angeles. (2014.R.20)

An dieser Stelle wird von Bedeutung, dass Yves Klein zu einer Künstlergruppe gehörte, deren Arbeiten auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten, den „neuen Rea­listen“. Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle gehörten beispielsweise dieser Gruppe an, ebenso Daniel Spoerri, Arman und César. Auch Christo beteiligte sich an Ausstel­lungen der Gruppe.

Was war der gemeinsame Nenner? Während sich die Kunst, grob gesagt, zwischen den Polen von einerseits möglichst originalgetreuer Darstellung des Sichtbaren, bei­spielsweise im Realismus und im Naturalismus und andererseits dem Verweis auf unsichtbare Phänome, zum Beispiel auf die Religion im Mittelalter oder das Heroische in der Romantik, entwickelte, änderten sich nun die Voraussetzungen. Die beiden angenommenen Pole führten nicht zu einem simplen Hin und Her zwischen ihnen, son­dern trugen den Fortschritten der gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung. In einer Welt, in der die technischen Möglichen ins Unermessliche zu wachsen begannen, ver­änderte sich die Einstellung gegenüber der Realität. Die Kunst lud nicht mehr zur Be­schreibung oder Interpretation ein, sondern fügte der Wirklichkeit neue Elemente hinzu und schuf eine neue, erweiterte Realität mit menschlichem Ursprung.

Christo nahm bekannten Gebäuden ihre Funktion und reduzierte sie durch die Umhül­lung auf eine Form, ein neuer Blick auf das Bekannte. Arman häufte Gegenstände in einem Werk zu einer absurden Ansammlung an, Alltagsgegenstände verloren durch ihre jeweilige Vervielfältigung den ursprünglichen, durch ihre Funktion bestimmten Sinn, bekamen neue Aspekte, Form, Vielfalt und Einordnung des einzelnen Gegenstandes in eine Masse.

Yves Klein fügte dem statischen Werk den Prozess hinzu, in Anlehnung an das Thea­ter, aber ohne dessen manchmal elitäres Selbstverständnis. Auch Spoerri fing die Zeit ein in seinen frühen Fallenbildern, in denen er die Reste von Mahlzeiten und Gelagen auf der Unterlages des Tisches festklebte und das Ergebnis an die Wand hängte. Oft­mals eine Herausforderung an die Konservierung, die aber in spannungsvollem Wider­spruch zu der ebenso thematisierten Vergänglichkeit steht.

Für Yves Klein war neben blauen Bildern und Anthropometrien auch das „Nichts“ von Interesse. Ein Nichts, dass nur existiert, wenn es wahrgenommen wird, ganz nach Kurt Tucholsky, der – übertragen – bemerkte, ein Loch sei da, wo etwas drumherum ist. Das Nichts als schlechtes Gewissen einer Realität, die alles sein will. Neben einer Ausstellung, in der buchstäblich nichts zu sehen, war, ist von Klein sein „Sprung ins Leere“ bekannt, gefolgt von einem ungebremsten (und schmerzhaften) Aufschlag in der Wirklichkeit.

Action artistique d’Yves Klein – 5, rue Gentil-Bernard, Fontenay-aux-Roses, France.
Photo: Harry Shunk and Janos Kenter, J. Paul Getty Trust. The Gett Research Institute, Los Angeles (2014.R.20)
© Succession Yves Klein c/o ADAP, Paris. yvesklein.com

Auch hier wird der Realität etwas hinzugefügt, was einem „vernünftigen“ Menschen unvernünftig erscheint. Für mich ist es eine Haltung, die das Gegebene nicht hinnimmt und dem Schicksal eigene Vorstellungen entgegen hält, auch wenn es weh tut.

Beschreibung und Interpretation allein wurden der Kunstform Performance oder auch dem Happening nicht mehr gerecht. Das Publikum blieb oft ratlos. Vielleicht kann man sich dem prozesshaften und vergänglichen Charakter dieser Kunstform mithilfe von Anekdoten nähern. Eine stammt von Yves Klein selber. Er beschrieb (1961 im Chelsea Hotel Manifest), dass er am Strand von Nizza den blauen Himmel zu seinem ersten Kunstwerk erklärte, voller Wut auf die Vögel, die ständig Löcher hinein machten.

Eine weitere Anekdote berichtet von einer Autofahrt von Paris nach Nizza, bei der Yves Klein eine Leinwand senkrecht auf dem Autodach festspannte. (Vgl. Rainer Wick: Zur Theorie des Happenings, in: Kunstforum 8/9, 1974) Die Leinwand mit den Insektenlei­chen war lediglich die Spur des eigentlichen Werkes, des Prozesses der Entstehung unter Einbeziehung des Zufalls, der Fahrt also. Auch das scheint auf den ersten Blick banal. Trotzdem macht Yves Klein, wie Alice bei ihrem Weg durch den Spiegel, mit sei­ner Abwendung von einem statischen Werk einen Schritt durch die Leinwand in eine andere Welt, ins Blaue.

  1. Nicht nur um 03:20 h in der Nacht ein Genuss zu lesen. Ich danke dir, für deine immer wieder lesenswerten „Ausritte“ in die Kunst der Maler(ei) und deren Farbtönen, die manchmal einfach nur blau sind. Wie gerne ich ein Teil Derer wäre. MERCI!
    maluma

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