Außenseiter, Einzelgänger, Individualisten 

Ein einzelner Begriff schien nie alles auszudrücken, was ich in diesem Blog ansprechen will. So kam es zu den Dreien im Titel. Hier geht es mir um Künstler, die keiner Stilrichtung dauerhaft zugeordnet werden können. Der bereits beschriebene Van Gogh (1853-1890) begann mit seinen eher dunklen, erdverhafteten Bildern aus seiner niederländischen Periode, näherte sich dem Impressionismus an, mit einem kurzen Abstecher zum Pointillismus und fand schließlich in Südfrankreich seinen eigenen Stil, woraufhin er als Postimpressionist verortet wurde. Was ihn aber aus allen Zuschreibungen heraushob, war die Kombination von impressionistischen Grundlagen mit expressiven Ausdrucksweisen. Eine Leistung vor dem Hintergrund, dass sich der Expressionismus dezidiert gegen den Impressionismus wandte, ein Widerspruch also, den Van Gogh vereint. Sein vermutlich letztes Bild, „Krähen über Weizenfeld“, bringt das deutlich zum Ausdruck, wie auch seine bekannte Sternennacht“.

Vincent Van Gogh, Krähen über Weizenfeld, 1890, Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)

Pablo Picasso (1881-1973) wird natürlich als sein Mitbegründer mit dem Kubismus verbunden, aber erst nach seiner blauen und seiner rosa Periode. Nach seinen kubistischen Arbeiten ging er wieder eigene Wege.

Mit seinen Assemblagen setzt er die Collage dreidimensional um, wie der mit verblüffender Einfachheit kombinierte Stierkopf oder humorvoll, wie die Pavianmutter mit einem Spielzeugauto als Gesicht, in Bronze gegossen. Auch sein farbenfrohes Spätwerk ist wieder von gänzlich anderer Natur.

Joan Miró (1893-1983) fällt für mich ebenso zu den Künstlern, die nicht genau eingeordnet werden können. Zwar wird er oft zu den Surrealisten gezählt, denn er hatte dieser Gruppe auch eine Zeit lang angehört, war aber eher ein stiller Teilnehmer. Er nahm an Ausstellungen teil und pflegte lange Kontakt mit einzelnen Surrealisten. Er löste sich von alten Bildkonventionen und „proklamierte dort in einem Dreischritt reine Linie, reine Farbe, dazwischen Nuancen, die er als Charme und Musik der Farbe charakterisierte.“ [Joan Miró: An Michel Leiris, Montroig, 10. August, 1924. In: Margit Rowell (Hrsg.): Joan Miró, Selected Writings and Interviews. Thames and Hudson, London/Boston 1986, S. 86.] Er wechselte aus politischen Gründen mehrmals den Wohnort und begann 1938 seine Keramikarbeiten. Seine frühen Werke werden als poetischer Realismus bezeichnet, wobei für mich sein Spätwerk ebenfalls poetische Züge hat. Hierin sehe ich seine Eigenheit, die ihn von bekannten Kunstströmungen abhebt.

Joan Miró, Ohne Titel, 1939, Fondation Joan Miro. Barcelone. Bild: Jean-Pierre Dalbéra (CC BY 2.0]

Auch Jean Dubuffet (1901-1985) zählt für mich zu dem Kreis der schwer einzuordnenden Künstler. Interessant finde ich, dass er eine Kunstrichtung schuf, der er selber nicht angehört hatte, die „Art Brut“, was man mit „rohe Kunst“ übersetzen kann. Diese Kunstrichtung beschreibt Laienkünstler die in Grenzsituationen gelebt haben, psychisch Erkrankte oder mit geistiger Behinderung. Diese Kunst sieht sich selber, bzw. durch ihren Erfinder, als naiv und antiakademisch. Ich gebe zu, dass bei den moderner werdenden Kunstrichtungen, die Beliebtheit und Akzeptanz deutlich nachlässt.

Jean Dubuffet, Joë Bousquet in Bed, January 1947, Museum of Modern Art, New York, USA. Bild: Wally Gobetz (CC BY-NC-ND 2.0)

Auch wenn Dubuffet sich nicht selber der Art Brut zurechnete, sind doch seine frühen Arbeiten sehr stark von dieser Ästhetik geprägt. In den 60er Jahren fertigte er abstrakte Strukturen, die an Zellen erinnern, mit wenigen Farben. Diese entwickelte er weiter zu großen, oft felsenförmigen Plastiken aus Polyester, manche beschränkt auf Schwarz und Weiß. Sie fanden auch in der Gunst des Publikums einen höheren Platz.

Alle hier vorgestellten Künstler sind nicht plötzlich mit ihren speziellen Ausdrucksweisen von heute auf morgen da gewesen. Van Gogh hatte ebenso Kontakt zu vorausgegangenen Kunstströmungen, nach seinen realistischen Anfängen besonders im Impressionismus, wie Miró zu den Kubisten und Surrealisten. Auch Dubuffet befand sich im Umkreis der Surrealisten, allerdings mit gegenständlichen Arbeiten.

Marcel Duchamp (1887-1968) war ein sehr selbstbewusster und provokativer Künstler mit impressionistischen Anfängen und kubistischen Einflüssen z.B. mit „Akt, eine Treppe hinabsteigend No2“ den ich im letzten Blog zeigte. Allerdings gilt er als Wegbereiter des Dadaismus und des Surrealismus. Er wandte sich bereits ab 1912, dem Entstehungsjahr des Aktes, den „Readymades“ zu. Gefundene Alltagsgegenstände, die wie durch den objektiven Zufall der Surrealisten entdeckt wurden und deren Ausstellung zunächst einen Skandal hervorrief. Nicht ganz zu Unrecht fragte man sich, was daran Kunst sein sollte. Ein Flaschenständer (Portes-bouteilles) aus Eisen und ein Urinal sind die bekanntesten dieser Objekte. Duchamp stand auf dem Standpunkt, dass bereits die Auswahl eines Werks durch einen Künstler dieses Werk zum Kunstwerk machte. Das Urinal stellte er auf einen Sockel und signierte es als R. Mutt.

Anfangs skeptisch stimme ich Duchamp mittlerweile zu. Erstens ist es eine ganz klare Provokation. Damit hatte Duchamp aber gerechnet und meldete das Objekt für eine Ausstellung der Society of independent Artists an, die weder Zensur, noch Vorauswahl befürworte. Die „Fontaine“, wie das Objekt hieß, wurde trotzdem abgelehnt. Dieser gesamte performancegleiche Vorgang zählte mit zu dem „Werk“ und vollendete es. Aus heutiger Sicht denke ich, dass banale Alltagsgegenstände eine ästhetische Wirkung haben, warum kauft man sich sonst Möbel oder Bilder, die einem gefallen. Ob Duchamp soweit gedacht hatte, halte ich für unwahrscheinlich. Aber die Auseinandersetzung mit seinen Werken dauert bis heute. Die ursprünglichen Objekte sind verschollen, es gibt nur noch Replikationen. Eine Ausstellung in Köln präsentierte den Flaschenständer nicht als singuläres Objekt, sondern platzierte eine ganze Reihe von Repliken auf einem Podest. Ich denke, damit kam man dem Sinn dieser Redymades ziemlich nahe, dass alles ein potentielles Kunstwerk ist und dass man so den ursprünglichen Humor bis heute hinüberrettet. Jeder Gegenstand kann zumindest schön sein, wenn man es so empfindet, warum nicht auch ein Kunstwerk. Für Beuys ist ja auch jeder Mensch ein Künstler. Von Duchamp zu Warhol ist es auchenur ein kleiner Schritt. Ein recht witziges Readymade war eine „Überarbeitung“ eines Druck der Mona Lisa, u.a. versehen mit den Buchstaben L.H.O.O.Q, die sich laut buchstabiert anhören wie „Sie hat einen warmen Hintern“ auf Französisch.

Marcel Duchamp, L.H.O.O.Q., 1919, Privatkollektion. Bild: hombre de palo.

Es hilft vielleicht, seine Werke grundsätzlich unter dem Aspekt des kreativen Unsinns in der Art der Kunstrichtung Dada zu sehen, statt unwillig den Kopf zu schütteln. Ein großer Spaß. Allerdings mit dem ernsten Anliegen, die Kunst, die zur Handelsware von Galerien und Museen geworden ist, ad absurdum zu führen. Duchamp zog sich aus dem Kunstbetrieb zurück, vielleicht weil auch seine Protestwerke vom Kunstmarkt vereinnahmt wurden. Längere Zeit spielte er nur Schach, nahm an Turnieren teil und schrieb eine Rubrik. Allerdings gab es auch Fotos, auf denen sein künstlerischer Ursprung deutlich wurde.

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Sein letztes Werk ist eine Installation, „Étant donnés“, an der er 2 Jahre arbeitete. Es befindet sich in einer privaten Stiftung. Ich zeige es nicht, weil es zu der Kategorie von Bildern gehört, die nicht jeder sehen will. Provozierend bis zuletzt war er doch ein anerkannter Vordenker seiner Zeit mit großem Einfluss auf seine Zeitgenossen und die Nachwelt. Seinem Charakter entsprechend ließ er auf seinen Grabstein die Worte „Übrigens sterben immer nur die andern“ gravieren.

Seine anderen Werke sich so disparat, dass man sie nicht unter einer Überschrift zusammenfassen kann. Ich deshalb oben nur noch die Junggesellenmaschine, bzw. das große Glas gezeigt.

Das Werk besteht aus zwei gerahmten Glasscheiben, die übereinander hängen. Die obere Scheibe ist wohl die Domaine der Braut in einer amorphen, insektenähnlichen Form. Im Gegensatz zu den Grautönen dieser Figur sind die unteren Figuren in einem bräunlichen Farbton gehalten. Die Figuren, die die Junggesellen darstellen sollen, wirken wie aufgehängte Kleider. Daneben befindet sich eine Schokoladentrommel, als einziges Motiv exakt wiedergegeben. Diese Arbeit ist so vieldeutig, dass es kaum übereinstimmende Gedanken dazu gibt. Zu allem Überfluss stellte Duchamp dem Glas ein Buch zur Seite, „The green Box“, das unter dem Vorwand einer Interpretation die Mehrdeutigkeit vervielfachte. Moderne französische Philosophen wurden bisweilen herangezogen, deren Gedanken durch dieses Werk illustriert werden könnten. Es führt zu weit, darauf hier einzugehen. Der Tenor scheint zu sein, dass die Wertschätzung und Deutung des Werkes durch das bürgerliche Publikum, das sich gerne mit Kunst umgibt, in Frage gestellt, wenn nicht sogar lächerlich gemacht wird. Das würde der dadaistischen Wurzel Duchamps entsprechen. Er selbst meinte, dass er mehr Wert auf den Betrachter lege, weil der Künstler nicht wisse, was er tut. Damit könnte man das Werk jetzt abhaken, allerdings nicht ohne zuzugeben, dass es eine Vielzahl von Überlegungen ausgelöst hat und immer noch Geheimnisse zu bergen scheint. Es ist ein wenig wie mit der Religion, es könnte ja doch was dran sein.

Obwohl er nicht zu meinen Favoriten gehört(e) muss man auch Marc Chagall (1887-1985) hier erwähnen. Er erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Seine träumerisch-poetischen Bilder strahlen Wärme und Harmonie aus.

Ich persönlich finde seinen still-religiöser Stil etwas zu frömmelnd. Allerdings muss ich zugeben, dass er allen Grund dafür hatte. Chagall hatte ein sehr bewegtes Leben. Seine Lebensstationen waren mehrere Male Russland, ebenso Frankreich, Polen, Deutschland und Amerika, oft auf der Flucht vor Verfolgung und einmal als Jude inhaftiert. Er hatte Kontakt zu zahlreichen Künstlern des Kubismus, des Surrealismus, sowie zu fast allen renommierten Schriftstellern seiner Zeit. In Paris wurde er le poète genannt. Neben den vielen Einflüssen, denen er sich aussetzte fand er aber immer seinen eigenen Stil, der in keine Kunstform ausschließlich eingeordnet werden kann, am ehesten noch in den Expressionismus.

Marc Chagall, I and the village, 1911, Museum of Modern Art, New Yoork, USA. Bild: Courtesy of www.chagall.net.

Die Schaffensphasen und erst recht die Werke Chagalls sind so zahlreich, dass es umfangreicher Dokumentationen bedarf, um alles zu erfassen, die natürlich bereits existieren. Über seine vielen typischen, oft wiederkehrenden Bildsymbole sagt er, dass er sie nicht beabsichtigt hatte und die man im Nachhinein finden kann und nach seinem Geschmack deuten. [Ingo F. Walther, Rainer Metzger: Marc Chagall 1887–1985. Malerei als Poesie; Seite 78] Sich selbst bezeichnet er als „sozusagen unbewussten Maler“. Sein religiöses Fundament muss man einfach anerkennen, um sich auf seine Kunst einzulassen. Es ist ein großer Bogen, die alle seine Werke umspannt und der sich für mich in seinen vielen Kirchenfenstern schließt. Egal wie man zu seinen Motiven steht, er ist einer der größten Maler seiner Zeit.

Marc Chagall, Kirchenfenster der St. Stephanskirche in Mainz, südliches Querhaus, 1985. Bild: Olga Tarasova (Facebook)

Genau genommen ist jeder Künstler ein Individualist. Außerhalb der geordneten und sicheren Bahnen von gesellschaftlicher Anerkennung, Erfolg, Macht, trautes Heim, usw., suchend und ohne eine andere Sicherheit, als ihre Intuition, scheuen sie das Risiko nicht. Viele mögen gescheitert sein, aber die, die wir heute kennen, haben die ausgetretenen Pfade verlassen und neue Wege gefunden. Solche „Künstler“ sind meiner Meinung nach nicht nur diejenigen, die Kunst herstellen, sondern alle, die auf ihren Wegen Neues entdecken, das letztlich für alle bedeutend ist: naturwissenschaftliche Fortschritte, am besten nachvollziehbar in der Medizin, bis zur aktuell relevanten Entdeckung neuartiger Impfstoffe. Architekten waren oft Vorreiter darin, humane Wohnsituationen zu schaffen, Elektronik und Computer wären ohne die Initiationen von eigensinnigen Denkern (mit Sachverstand) nicht möglich geworden. So lassen sich noch viele Beispiele finden. Meine persönliche Schlussfolgerung daraus ist, dass es die Außenseiter sind, die die Welt positiv verändern. Meine persönliche Konsequenz, auf niemanden herabzublicken, niemanden gering zu schätzen, der auf irgendeine Weise von den Normen abweicht.

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