Blind

Pieter Brueghel d. Ältere: „The Parable of the Blind Leading the Blind“, ( dt.: Der Blindensturz), 1568, Museo Nazionale de Capodimonte, Neapel

Dieses Bild von Pieter Bruegel dem Älteren ist mir im Laufe meines Kunststudiums begegnet, ohne dass ich allzuviel damit anfangen konnte. Gut, ein Bild auf dem nacheinander Menschen zu Fall kommen, weil sie ohne Augenlicht sind, sich aneinander festhalten und sich gegenseitig zu Fall bringen. Man könnte noch anfügen, dass die Richtung von links nach rechts der Gewohnheit des Lesens entspricht. Zusammen mit der Neigung sieht man die Entwicklung vom aufechtem Gang zum unausweichlichen Fall, nach einer Parabel im Matthäus-Evangelium. Obwohl exakt und kunstvoll gemalt ein alter Schinken. Aus der Gegenwart fallen einen dann aber trotzdem mögliche aktuelle Anlässe aus Politik und anderen Bereichen ein, um dieses Bild als sinnhaftes Beispiel anzuführen. Geschenkt!

Ich denke im Augenblick mehr an die vielen Bemühungen einiger Menschen, deren Zeitzeuge ich bin, sich gegenüber anderen verantwortungsbewusster zu verhalten und Gleichberechtigung anzustreben. Gleichberechtigung von Frauen, Männern und quereren Menschen, inklusive Equal Pay, Kämpfe gegen versteckten und offenen Rassismus, für Ausländerfreundlichkeit, Klimaschutz, Erhalt der Demokratie in unserem Land! Und vieles mehr – Aufarbeitungen sprachlicher Entgleisungen, die ihre Wurzeln in einer anderen Zeit haben, die aber auch meine Zeit war.

http://www.interface-wien.at/system/attaches/210/original/Interface_Plakat_GegenVorurteile_A2.pdf?1574855468

Wir haben gelernt, dass man Menschen, die irgendwie nicht dem Allgemeinbild entsprechen durch Benennungen, über die man sich früher keine Gedanken gemacht hat, diskriminiert und wir versuchen dem mit neuen Bezeichnungen gerecht zu werden.

In meiner Generation bin ich zunächst mit den unbedachten Diskriminierungen der Vergangenheit groß geworden und empfand einige Auswüchse der Political Correctness als zu weit gehend. Ich lernte nach und nach die unterschwelligen Herablassungen zu verstehen und meine Sprache bewusster und respektvoller zu verwenden.

Aber niemand ist perfekt und so gibt es trotz aller Bemühungen Situationen, in denen ich unwissend gegen dieses Prinzip verstoßen hatte. Deshalb empfand ich mich als einer der durch das Bild thematisierten Blinden. Ich war aber in einem Beruf, in dem ich andere Menschen anleitete und frage mich, ob ich nicht bei meinen unbeabsichtigten Stürzen andere mitgenommen habe oder doch meine Prinzipien bestmöglich umgesetzt habe.

Vermutlich nicht. Es gab einen Moment, in dem ich mich über einen Menschen mit einer Einschränkung auf eine Weise geäußert habe, die ihn betroffen machte, ohne mir über diese Konsequenz klar zu sein.

Blinde können nicht geheilt werden. Sie können aber lernen, die fehlende Sehkraft durch die Entwicklung der anderen Sinne etwas auszugleichen, sie lernen besser zu hören und zu riechen, Abstände zu berechnen und mit den Fingern zu lesen. Vergleichbare Möglichkeiten sehe ich für uns alle. Wir können die unbedachten Gewohnheiten der Vergangenheit verlernen und durch neue ersetzen und wir sollten es tun.

Was heißt wir? Ich habe niemandem zu sagen, was zu tun und zu lassen ist, aber ich werde es jedenfalls machen.

Eine Passage von Klaus Hoffmann in seinem Lied „Blinde Katharina“ drückt es so aus:

„Nur weil ich vermute, dass ich sehend bin,     
Brauch‘ ich doch nichts erkennen.         
Komm wir schmeißen einfach alle Regeln hin,
Du zeigst mir, wie man sieht.“

https://www.youtube.com/watch?v=-Ra44p3QDFQ

Für E.

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