
Gustave Caillebotte (1848 – 1894) ist auf den ersten Blick kein Vertreter des Impressionismus, was u. a. an seinen bekanntesten Sujets liegt, Innenstädte und Innenräume, sowie an seinem präziseren Malstil, statt der flirrenden Farben und aufgelösten Konturen seiner Kolleg:innen. Über seinen Nachlass verfügte er so, dass viele Bilder gar nicht ins öffentliche Bewusstsein kamen.
Zunächst war er, wie auch andere, kein Maler. Er hatte allerdings in seinem vorkünstlerischen Leben eine solide finanzielle Grundlage erwirtschaftet, die aus der erfolgreichen Tuchproduktion seines Vaters entstanden war. Aufgrund des Krieges wurden hier noch einmal hohe Gewinne für Armeezubehör erzielt, so dass Caillebotte im wahrsten Sinnes des Wortes gut betucht war, als sein Vater 1874 starb. Zu seinen Lebzeiten begleitete dieser 1872 seinen Sohn nach Neapel, wo Caillebotte bei dem Maler Giuseppe de Nittis Edgar Degas kennenlernte und später auch Monet. Caillebotte orientierte sich zunächst an realistischen Darstellungen. Eines seiner bekanntesten Bilder, das im Salon abgelehnt wurde stammt aus dieser Zeit, „Die Parkettschleifer“.

Es gibt zwei Versionen mit völlig verschiedenen Bildinhalten, wobei in beiden Versionen das Parkett nicht geschliffen, sondern mit der richtigen französischen Bezeichnung abgehobelt wird. Das für den Salon eingereichte erste Bild wurde abgelehnt, unter anderem weil die arbeitende Bevölkerung nicht bildwürdig war, das andere wurde später spöttisch beschrieben.

Der Misserfolg trieb ihn im wahrsten Sinne des Wortes in die Arme der Impressionisten, an deren zweiten Ausstellung er bereits 1876 mit 27 Jahren nach einer Einladung durch Renoir teilnahm. Auch hier gab es kritische Töne, zu den Parkettschleifern, aber die positive Resonanz überwog. Das erste Bild war das teuerste der Ausstellung, allerdings sicherte es Caillebotte für sich selbst.
Zu Caillebottes Bildern dieser Ausstellung gehörte ein weiteres recht bekanntes seiner Bilder: »Junger Mann am Fenster«.

Dieses Rückenbild seines Bruders René vor dem offenen Fenster, das an den Stil der deutschen Romantik erinnert, wird von Émile Zola aufgrund seiner Genauigkeit als antikünstlerisches, bürgerliches Gemälde beschrieben. Zola war ein glühender Verteidiger der impressionistischen Malerei, zu der er dieses Werk offensichtlich nicht zählte. Im Gegensatz dazu schrieb ein Kritiker, dass die Ausstellung eine gelungene Auseinandersetzung mit dem modernen Stadtleben darstellt, ohne das Bild direkt zu erwähnen. In Deutschland hat der Schriftsteller Hartmut Lange 2015 das Bild zum Inhalt einer Erzählung gemacht. Die perspektivische Genauigkeit, die zu jener Zeit bereits als überholt gilt ist die Grundlage für die Kritik Zolas, während die Atmosphäre des städtischen Lebens mit einer fast leeren Straße ein Gefühl der Isolation in der modernen Welt aufkommen lässt.
René Caillebotte ist kurz nach der Fertigstellung des Bildes mit 26 Jahren verstorben. Gustave realisierte, dass offensichtlich die männlichen Mitglieder seiner Familie früh verstarben und vermachte in seinem Testament sämtliche seiner Gemälde und die seiner impressionistischen Freunde in seinem Besitz dem französischen Staat. Nachdem Frankreich eine Auswahl getroffen hatte, die hauptsächlich im Musée d’Orsay zu sehen ist, kamen viele Bilder durch Verkauf in Privatbesitz, weshalb Caillebottes Werk in seinem Umfang aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwand und er zu den unbekannteren Künstlern seiner Epoche zählt.
Der Blick aus dem Fenster auf dem Boulevard Malesherbes wurde aus dem Fenster des Familienwohnsitzes gemalt. Der gleiche Raum dient auch als Kulisse für das Bild eines weiteren Bruders, dem Musiker Martial Caillebotte, am Klavier aus dem Jahr 1876.

Das bekannteste Bild Caillebottes ist wohl der »Regentag in Paris«. Die bisher schon beobachtete Genauigkeit findet sich auch in diesem Bild. Gebäude sind selbstverständlich mit genauen Winkeln gebaut und werden auch genauso dargestellt. Die Horizontlinie verläuft ungefähr auf der Höhe des Schnäuzers des Herrn, die Laterne schräg hinter ihm teilt das Bild in zwei Hälften. Die Reflektionen von Licht und Schatten auf der nassen Straße sind beinahe fotografisch exakt dargestellt.

Es fällt mir immer noch schwer, hier eine typisch impressionistische Arbeit zu sehen, allerdings enthält das Bild Elemente einer modernen Malweise und bis zu diesem Bild muss man sich damit abfinden, dass die Landschaften Caillebottes eben auch Stadtlandschaften sind. Baron Haussmann hat die Struktur der Straßen den modernen Bedürfnissen angepasst, zu denen es übrigens auch gehörte, Aufstände besser kontrollieren zu können. Die Personen auf der rechten Seite, die lebensgroß dargestellt sind, sind als dezentes modernes Element von den Bildrändern beschnitten. Die Atmosphäre dieser strukturierten Stadtarchitektur lässt die Menschen isoliert erscheinen, verstärkt durch die Schirme. Zwar teilt sich das Paar auf der rechten Seite einen Schirm, die Frau hat sich eingehakt, aber ohne weiteren Kontakt, die Blicke gehen zur Seite, menschliche Nähe empfindet man nicht. Auch der Blick aus dem Fenster des früheren Bildes zeigt eine leere Stadt mit nur einer einzelnen Person auf der Straße, die Funktionalität der Stadtarchitektur hat offensichtlich die Isolation ihrer Bewohner zur Folge. Der gegenüber Caillebotte kritisch eingestellte Schriftsteller Émile Zola äußerte sich übrigens sehr lobend über dieses große Bild.
Caillebotte hat allerdings auch andere Bilder und andere Motive gemalt. Zeitlich (und stilistisch) liegt das Bild aus dem Park des Anwesens Caillebotte etwas weiter zurück. Es zeigt Caillebotte selbst, erstaunlicherweise ebenfalls von hinten, wie den Bruder später am Fenster, neben seiner Cousine Zoë, im Park der Familie. Das Bild schenkte er dem Gärtner des Anwesens.

Obwohl nun außerhalb der Stadt wirkt auch dieses Bild keineswegs impressionistisch. Caillebotte scheint auch hier bemüht um eine exakte und identifizierbare Ansicht des Gartens. Es wirkt an einigen Stellen, wie eine um Genauigkeit bemühte Schülerarbeit, das Gras ist vertikal gestrichelt, der Weg horizontal, die Bank ist zu klein, die männliche Figur wirkt etwas hölzern. Es geht nicht darum, das Bild schlecht zu machen, es macht aber die Etappen von Caillebottes künstlerischer Entwicklung deutlich. Die Komposition ist ausgewogen, links die Personen, als horizontales Gegenstück der rechte Baum, die Beete leiten den Blick zu Gebäude, das links und rechts von Bäumen eingerahmt wird.
In reinen Landschaftsbildern, wie sie viele Impressionisten bevorzugen kommen seine diesbezüglichen Intentionen und Fähigkeiten, voll zur Geltung, wie bei den Weiden am Fluss, oder dem Regenbild.


Caillebotte pflegte seine Motive mehrfach in Bilder umzusetzen, so auch einige Blicke über die Dächer seiner Stadt im Schnee. Winterlich grau muten sie ein wenig düster an, vielleicht auch, weil sie kurz nach dem Tod seiner Mutter entstanden sind. Bei genauerem Hinsehen sind es jedoch auch zahlreiche Farben, die zu dem Grau gemischt wurden. Violett wurde beigemischt, bei der dunklen Fassade rechts von der Mitte ist etwas grün eingearbeitet, auch Blau tritt an einigen Stellen dezent auf und das Ocker einiger Schornsteine und weiter hinten bei Gebäuden erzeugt einen wärmenden Kontrast. Die strenge Perspektive der anderen Stadtbilder wird hier durch die Gebäudeformationen aufgelockert. Hier gelingt Caillebotte wohl am geschicktesten die Verbindung von großstädtischen Motiven mit einer impressionistischen Bildauffassung.


Ganz anders das obige Bild. Es erregte bei der Impressionistenausstellung 1882 durch seine Größe von über einem Quadratmeter Aufsehen. Man sieht einen Garten in der Gegend um Trouville-sur-Mer, es markiert geografisch eine Position zwischen den naturnahen Bildern aus der Gegend des Familienwohnsitzes und den späteren Seestücken. Wieder einmal sieht man die Personen von hinten, auch die aus den Stadtbildern bekannte Perspektive findet sich bei der Darstellung des Gebäudes und des Weges. Die Malweise mit der die Licht- und Schattenstellen gezeigt werden, ist durchweg impressionistisch. Das Aufsteigen des Weges könnte ohne den französischen Titel ein perspektivischer Effekt sein. Der deutsche Titel ist willkürlich, der Abstand der Personen passt nicht zu dem Paarbegriff, es sind Mitglieder von Caillebottes Familie, die sich dort zum Sommerurlaub traf.

Ein weiterer unspektakulärer Spaziergänger aus dem gleichen Jahr legitimiert ebenfalls Caillebottes Zugehörigkeit zum Impressionismus. Lockere Pinselstriche für die Gräser links und rechts des Weges, der selber kaum Strukturen ausweist, ein hellblauer Himmel ohne Horizont, mit etwas Grau gemischt, um der ebenfalls blauen Kleidung des Spaziergängers die kräftigere Farbe zu überlassen. In für Caillebotte gewohnter Manier ein älterer Mann von hinten, die Hände hinter dem Rücken, weiter vorne noch eine Frau mit Sonnenschirm, insgesamt nur sparsame Bildmittel um die Atmosphäre eines entspannten Spaziergangs in sommerlichem Licht entstehen zu lassen.
Es ist auffällig, wie oft Caillebotte Personen in Rückenansicht dargestellt hat. Die Kunstgeschichte liefert keine Gründe. Weder kann das Motiv des Hinaussehnen aus der Romantik, beispielsweise bei Caspar David Friedrich, dafür herhalten, noch die eher mittelalterliche Herstellung einer gewissen Tiefe des Raumes, zu der es damals noch keine anderen Möglichkeien gab. Ich neige zu einer gänzlich subjektiven Erklärung, dass die so dargestellten Menschen auf ihrem Weg sind, zu ihrem Ziel und sei es nur ein entspannter Spaziergang. An malerischem Unvermögen kann es nicht liegen, denn es gibt durchaus Portraits. Nur hatte Caillebotte keinerlei Aufträge angenommen und portraitierte ausschließlich Menschen, zu denen er einen persönlichen Bezug hatte. So z. B. auch Henri Cordier.

Cordier war Professor u. a. für Geschichte und ein angesehener Kenner des fernen Ostens. Er lebte sieben Jahre in China und wurde dort als Mandarin ausgezeichnet. Der Hintergrund aus Bücherregalen, die konzentrierte Haltung des Wissenschaftlers beim Schreiben, die sowohl ihn im Profil, als auch seine Tätigkeit zeigt, lässt keinen Zweifel an der Wertschätzung Caillebottes für Cordier zu.

Bild: Barnebys français (Bbys Magazine) vom 19.2.2020. (PD0)
Nicht alle dargestellten Personen sind so einfach zu identifizieren, so bleibt wohl der Ruderer mit Hut unbekannt. Hier sieht man ebenfalls das Gesicht, was beim Rudern allerdings nicht der Richtung entspricht, die die Bewegung zum Ziel hat. Boot und Person befinden sich im Zentrum des Bildes, beide werden vom unteren Bildrand abgeschnitten die Form eines Dreiecks, die durch die Ruder unterstützt wird, vermittelt den Eindruck einer zielgerichteten Bewegung. Caillebotte hatte sich zwei Jahre vor der Entstehung dieses Bildes in einen Wassersportclub eingeschrieben, der auch von Manet, Renoir und Monet besucht wurde und in dem die Grundlage für seine späteren Erfolge zur See gelegt wurden. Dieses Bild ist vom französischen Kulturministerium neben einem andern Werk Caillebottes zum nationalen Kulturschatz erklärt worden.

Der wassersportbegeisterte Caillebotte nahm in seinen späteren Schaffensjahren nicht nur Boote in sein Repertoire auf, sondern konstruierte auch einige, die dann auch tatsächlich gebaut wurden. Obwohl er auch erfolgreich an Hochseeregatten teilgenommen hatte, stammen die meisten auffindbaren Bilder von Booten auf Binnengewässern.

Ab Mitte der 80er Jahre gab er die Malerei fast ganz auf und widmete sich den Booten und dem Wassersort, sowie seiner bisher unerwähnten Leidenshaft für den Gartenbau. 1894 verstarb er mit 45 Jahren an einem Schlaganfall.


ganz tolle bilder. eins schöner als das andere. sehr lebendig! das bild mit den regenschirmen habe ich kürzlich in einem museum hier in berlin betrachtet. ein recht großes bild, sehr beeindruckend.
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