Kunst und Küsse

„Si de tes lèvres avancées,
tu prepares pour l’apaiser,
à l’habitant de mes pensées
La nourriture d’un baiser
(Paul Valéry, Les Pas)

(Wenn du mit gespitzten Lippen/ um ihn zu besänftigen/ für den Bewohner meiner Gedanken/ die Nahrung eines Kusses vorbereitest.)

Küssen benötigt keine Analysen, jeder kann es mit Sinn füllen. Aber was kann die Kunst uns zeigen, was wir nicht schon wüssten? Die Beziehung, die die Beteiligten dabei haben, ist jedoch eine Betrachtung wert, finde ich. Viele Künstler haben ihre Betrachtung in Bilder umgesetzt.

Chargesheimer (Karl Hargesheimer), An der Theke. Küssendes Paar, Köln, 1957, Museum Ludwig, Köln. Bild: last picture show, TumblR.

Der Kölner Fotograf Chargesheimer (1924-1971) galt als Bohemien, der besonders durch seine dokumentarischen Fotos der Nachkriegszeit bekannt wurde. Dabei scheute er sich weder, die unschönen Hinterlassenschaften des Krieges, noch das einfache, aber fröhliche Leben der Stadtbewohner abzulichten.

Das Bild „An der Theke“ entstand 1957. Zwei Menschen küssen sich an einer Theke mit den üblichen Accessoires an Getränken. Die Frau steht oder sitzt mit geradem Rücken und einer Zigarette in der sichtbaren linken Hand. Die Körper berühren sich nicht. Die Frau neigt lediglich den Kopf nach oben zum Kuss. Ebenso der Mann, der etwas größer ist, was wohl dem Durchschnitt entspricht.

Neben einer privaten Reminiszenz an eine solche Situation in einer Eckkneipe in Köln Ehrenfeld gab es etwas, das mich an diesem Bild faszinierte. Im Vergleich zu einem anderen, wesentlich berühmteren Foto von Eisenstaedt vom 14. August 1945, dem Tag der Kapitulation Japans im zweiten Weltkrieg. Ein Mann mit Matrosenmütze küsst eine Frau, die sich weit nach hinten bückt oder gedrückt wird. Neben der Erleichterung über das Kriegsende ein Dokument für die dominante Rolle dieses Mannes beim Kuss, er küsst, nicht sie küssen sich. Das Foto war übrigens gestellt.

Kuss-Szene am Times Square, fotografiert von Victor Jorgensen aus einer leichtanderen Perspektive als das berühmte Eisenstaedt-Bild, das nicht lizenzfrei ist.

Genau das ist der Unterschied zu der Aufnahme von Chargesheimer. Die gerade Haltung der Frau, die getrennten Körper und besonders die qualmende Zigarette sind Zeichen für die Eigenständigkeit einer Frau. Rauchen von Frauen galt lange als verwerflich. Während der NS-Jahre lautete die Propaganda sogar „Frauen rauchen nicht“. Rauchende Frauen sendeten zu der Zeit grundsätzlich das Signal von Selbständigkeit und Unabhängigkeit und galten schon im 19.Jhd. als sittenwidrige Bedrohung der herrschenden (männlichen) Ordnung. Von Mérimées „Carmen“ bis hin zum Existenzialismus symbolisiert das Rauchen Eigenständigkeit und Stärke von Frauen, die sich in einer in einer von Männern dominierten Welt behaupten.

Simone de Beauvoir – acec Gauloises, Quelle: ewamaria.blog, 25.4.2018
Gustav Klimt, Der Kuss, 1909, Österreichische Galerie Belvedere. Wien, Nr.912 – (CC BY-SA 4.0)

Eine Ikone des Kusses als Bild stammt von Gustav Klimt von 1908. Es mutet gegenüber dem ersten Bild geradezu bombastisch an. Durch den Hintergrund aus Blattgold und der Aureole (zwangsläufig phallisch), wird die Szene dem realen Raum enthoben und zu einem ins Religiöse überhöhten Ritual zwischen zwei Wesen mit kaum mehr menschlichen Zügen. Männliche und weibliche Eigenschaften werden von den Körpern gelöst und in eckige (männliche) und runde (weibliche) Ornamente der Kleidung überführt, die die Starrheit der Küssenden unterstreicht. Diese wiederum entzieht dem Vorgang die kommunikative Grundlage, reduziert die liebevolle Begegnung und den lustvollen Austausch auf einen perfekt inszenierten Ablauf, der in einem dekorativen Moment erstarrt. Dabei küssen sie sich nicht einmal. Ein Gleichgewicht und letztlich eine Gleichberechtigung zwischen den Beteiligten wird negiert durch die kniende, unterwerfende Position der Frau, die damit die reale Einstellung Klimts spiegelt, der in seinen bei ihm wohnenden weiblichen Modellen wohl auch Objekte im weiteren Sinn sah. Dass das Geschehen an einem Abgrund stattfindet ist mehrdeutig, in Wikipedia wird unter anderem von der Endlichkeit des Seins gesprochen. Dass derartige hierarchische Beziehungen auf einen Abgrund zusteuern, wird von Klimt wohl nicht gemeint sei. Für mich allerdings der einzige Gedanke, der für dieses Bild spricht.

Auguste Rodin,der Kuss, 1884, photo Anders Sune Berg © Ny Carlsberg Glyptotek, sowie ein Ausschnitt einer Bronzeskuptur.

Ganz anders wieder bei „Der Kuss“ von Rodin, hier in weißem Marmor, dem ich sogleich das Attribut „unschuldig“ anhängen will. Es gibt mehrere Kopien in Bronze, aber das Original ist weiß. Ein küssendes Paar, unbekleidet und miteinander im Kuss verschlungen. Sie sind auf einem Marmorsockel sitzend dargestellt und das einzige Attribut, das den Körpern hinzugegeben wurde ist ein angedeutetes Buch in der linken Hand des Mannes. Es ist die Artussage mit der unglücklichen Liebe zwischen Lancelot und Guinevere. Dargestellt sind Paolo und Francesca da Rimini aus Dantes göttlicher Komödie, die sich vor dem Moment des Kusses, der noch nicht erfolgt ist, verliebten. Die Lippen berühren sich nicht. Der Kuss findet nicht statt, das Detail aus einer anderen Perspektive macht das deutlich. Sie werden kurz danach während des Liebesaktes von dem Ehemann Francescas entdeckt und getötet.

Wie schon in dem Gedicht von Paul Valery angedeutet, geht die Erwartung über die Erfüllung hinaus. „Les Pas“ sind zwar die Schritte, die die Geliebte beim Näherkommen macht, „pas“ ist aber auch Teil der französischen Verneinung „ne…pas“, negiert also im Näherkommen das eigentliche Ereignis. Gestützt wird es durch den weiteren Text, die Geliebte möge ohne Hast das Stadium von Sein und Nichtsein aufrechterhalten, denn das Herz des Dichters besteht aus Erwartung. Dieses nun weitergedacht, ist ein Kuss der enge Kontakt zweier Individuen, während die oft gewünschte Vertiefung in der körperlichen Liebe die vorübergehende Auflösung der Persönlichkeitsgrenzen beinhaltet. Das Gedicht und die Skulptur Rodins thematisieren beide unterschwellig diesen Aspekt. Wie bei Chargesheimer sind die Beteiligten gleichberechtigt. Die Frau zieht den größeren Mann mit ihrem Arm zu sich hin. Die dominante Position des Mannes erfährt dadurch ein Gegengewicht.

Roy Lichtenstein: Kiss II, 1962, Privatbesitz. Bild via Wikipedia.

Lichtenstein hat in seiner typischen Comic-ähnlichen Weise das Kussmotiv in vielen Versionen gemalt. Das hier gezeigte Bild hat 1962 mit 6.0 Millionen den bis dahin höchsten Auktionspreis erzielt und ist heute noch bei Wandschmuck das meistgekaufte Motiv.

Bei den eben beschriebenen Unterschieden zwischen einer hierarchischen und einer gleichberechtigten Begegnung ist Lichtenstein ebenfalls ein Vertreter der zweiten Form. Der Mann ist zwar größer dargestellt, aber die Frau dominiert das Bild mit mehr Farbigkeit und mehr Raum auf der Leinwand. Wie bei Chargesheimer wird ein Geschehen zwischen zwei gleichwertigen Partnern gezeigt. Die Menschen und ihr Kuss sind in sich aufgehoben, ohne dass einer allein das Geschehen bestimmt.

René Magritte, Die Liebenden II, 1928, Museum of Modern Art, New York. Bild: Gandalfs Gallery (C BY-NC-SA 2.0)

Der surrealistische Maler René Magritte (1898 – 1967) benutzt oft rätselhafte Titel, die man als Erweiterung der bildlichen Darstellung begreifen kann, oder einfach als Unsinn. Hier aber nennt er das Bild klar „Die Liebenden 2“, eine „1“ gibt es auch, ebenfalls mit verdeckten Köpfen. Die bisherige Unterscheidung zwischen hierarchisch und gleichberechtigt steht hier nicht im Vordergrund. Gleichberechtigt erscheinen sie, weil beide Köpfe einander im Kuss zugeneigt sind, die Hände sind nicht zu sehen. Der Mann dominiert lediglich durch seine natürliche Größe. Die Szene finde in einem Innenraum statt, der aber unbestimmt bleibt.

Markant sind natürlich die durch Tücher verborgenen Köpfe. Sie werden mal als Unerreichbarkeit der Liebe interpretiert, mal als blindmachende Liebe, mal als Aufarbeitung des Selbstmordes von Magrittes Mutter. Er fand sie sie als dreizehnjähriges Kind ertrunken in einem Bach. Sie unternahm bereits vorher mehrere Selbstmordversuche. Ihr Nachthemd hatte sich um den Kopf gewickelt. Das erklärt vielleicht die Verwendung dieser Erinnerung in einem Bild, aber nicht das Motiv für das Bild. Warum sind die beiden Liebenden so dargestellt?

Trotz des Kusses erfolgt keine direkte Berührung. Bei aller Zuwendung bleibt jeder unter seinem Tuch. Das Verschmelzen der Personen zu einer Einheit der Liebe wird blockiert. Anders ausgedrückt, die Nähe der Köpfe bei dem Kuss erfährt eine Distanzierung durch die Tücher. Auch die Begriffe Nähe und Distanz bezeichnen mögliche Eigenschaften einer Partnerschaft. Trotz der physischen Nähe gibt niemand seine Persönlichkeit auf. Nähe und Distanz sind kein Widerspruch, sondern gegenseitige Ergänzungen. Genauso widerspruchslos setzt sie Magritte in seinem Bild um.

Dieser Aspekt fasst auch die Szenen der vorangegangenen Bilder noch einmal neu zusammen. Nähe thematisieren sie alle, sonst gäbe es keinen Kuss. Distanz hat Gleichberechtigung zur Voraussetzung. Sie wird bei Chargesheimer durch die Haltung der Körper und die Zigarette sichtbar, bei Rodin mit dem Abstand zwischen den Lippen. Und eben auch bei Magritte durch die Tücher.

Platon hat im Symposium den Mythos der Kugelmenschen beschrieben. Sie kommen als halbkugelförmige Einzelwesen auf die Welt und suchen ihre andere Hälfte, um mit ihr zu einer Einheit, einer Kugel, zusammen zu wachsen. Dieses Urmodell einer symbiotischen Beziehung ist trotz weiter Verbreitung („meine bessere Hälfte“) zumindest in unserer heutigen Welt nicht mehr die einzige Form einer Beziehung. Die Eingangsfrage, was die Kunst uns zeigen kann, was wir nicht schon wüssten, kann ich jetzt so beantworten: Die Künstler konnten diese Konsequenz bereits zu einer Zeit zeigen, in der niemand die traditionelle Rollenverteilung in einer um jeden Preis lebenslangen Ehe in Frage stellte.

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