Zwischen bisherigen und neuen Blogs über Kunst und Künstler füge ich ein Intermezzo über die Orte ein, an denen Kunst gezeigt und gesehen wird. Das sind meist Museen, die oft selber kunstvoll gestaltete architektonische Objekte sind, oder einfach auch Kunst, allerdings begehbare.
Da vornehmlich zwei Orte meine Heimat sind, biografisch nacheinander, emotional parallel, und sich dort geeignete Objekte befinden, nehme ich diese als Beispiele.
1) Das Marta Museum in Herford
Das „Museum“ Marta in Herford wurde am 7. Mai 2005 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung eröffnet. Der Name setzt sich zusammen aus „M“ für Museum, „ART“ für Kunst und „a“ (später als Großbuchstabe) für Ambiente. Die Geschichte der Erbauung des Marta-Museums in Herford begann jedoch im Nachbarort Bad Oeynhausen.
Dort ansässig war ein lokaler Energielieferant, das Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg, kurz EMR, der später durch ein größeres Unternehmen übernommen wurde. Zunächst aber stand der Geschäftsführer Dr. Manfred Ragati vor der Aufgabe, eine neue Netzleitstelle zu errichten. Ragati war nicht nur sozial engagiert, sondern auch musisch- und kunstinteressiert. Der hauseigene Architekt Hartwich Rullköttter empfahl ihm den amerikanischen Architekten Frank O. Gehry. Bei der Eröffnung des Vitra Design-Museums in Weil am Rhein wurde der Kontakt mit Gehry hergestellt und zum Schluss skizzierte dieser mit wenigen geschwungenen Federstrichen das „Energie-Forum Innovation“1 als Ausstellungs- und Verwaltungsgebäude, das seit 1995 in Bad Oeynhausen gut sichtbar an einer Verkehrsader neben einem großen Einkaufscenter steht.


Die Kooperation von Ragati und Gehry hatte zu gegenseitiger Sympathie geführt und so ergab sich ein weiteres Projekt, das in Bad Oeynhausen realisiert wurde, das Elternhaus in der Nähe der Herzklinik. Es ist eins von 22 Häusern der Stiftung Ronald McDonald, die Eltern und Geschwistern die Möglichkeit geben schwer erkrankten Kindern in der Nähe beizustehen. Den lebensbejahenden Ansatz drückte Gehry hier durch die Nachempfindung des Buchstabens „Y“ für Yes – Ja zum Leben aus, der sich im Grundriss und in mehreren Elementen des Gebäudes findet. Ein Grundstück in der Nähe der Herzklinik gab es zwar im nahen Kurpark, für den aber keine Bebauung vorgesehen war. Als Ragati mit seiner lokalen Reputation Frank Gehry ins Boot holte, wurde ein Pachtvertrag genehmigt.

Das nächste Projekt Gehrys in Ostwestfalen, die Erweiterung der Kunsthalle Bielefeld, scheiterte an der Ablehnung des einflussreichen Ehepaars Oetker von dem bekannten Lebensmittelkonzern. Der Bau der Kunsthalle stammt von dem amerikanischen Architekten Philip Johnson und wurde in dem für ihn typischen »Internationalen Stil« in einer großen Würfelform ausgeführt. Gehrys Entwurf bestand aus kleineren würfelförmigen Anbauten im Stil der Richard Serra Skulptur „Axis“ vor dem Gebäude.

Gehry, der Gebäude an ihre Umgebung anpassen wollte, konstatierte, dass wohl alle repräsentativen Gebäude der Region verklinkert seien. Und so kam wohl das Marta mit seiner für Gehry typischen Ausformung, die der des Guggenheim Museums in Bilbao ähnelt, zu seiner verklinkerten Fassade. Sie trug wohl auch dazu bei, dass die postmoderne Form des Gebäudes zwischen den umliegenden Gebäuden kein Fremdkörper wurde.

„Postmodern“ war ein Sammelbegriff für ästhetische Objekte in der Nachfolge der Moderne, zu der in der Architektur auch Philip Johnson gerechnet wird. Daran anschließend wurde der Begriff „Dekonstruktivismus“ für die Gebäude der nächsten Architektengeneration geprägt. Er stammte von dem Philosophen Jacques Derrida, der, wie auch andere Wissenschaftler, Erkenntnisse der strukturalistischen Sprachwissenschaft auf weitere wissenschaftliche Bereiche übertrug. Es war aber Roland Barthes, der Strukturalismus mit den einfachen Worten „Auseinandernehmen und Zusammensetzen“ beschrieb. Und genau das kann man an den Gebäuden der ausgesprochen erfindungsreichen Architektengeneration, der u. a. auch Gehry angehört sehr gut erkennen.

Die Initiative ging von dem damaligen Landes-Wirtschaftsminister und späteren Ministerpräsident von Nordrhein-Wrstfalen aus, der anregte, die nicht unbedeutende Möbelproduktion der Region durch ein „Haus des Möbels“ zu repräsentieren. Über die Weiterentwicklung dieser Idee war zunächst eine Ergänzung durch ein Möbeldesignmuseum geplant, bis schließlich die Idee eines eigenständigen Museums in den Vordergrund trat und nach 10 Jahren die anfängliche Schreibweise „MARTa“ (M für „Museum“, ART für „Kunst“ und a für „Ambiente“) zu „Marta“ angeglichen wurde.
Der Textilfabrikant Jan Ahlers stellte ein Grundstück mit einem vorhandenen Gebäude der Textilfabrik zur Verfügung. Dieses ursprüngliche Gebäude wurde in seiner Form erhalten, aber im hinteren Bereich zu dem kleinen Fluss Aa optisch von der neuen Architektur verdeckt. Ahlers wollte seine umfangreiche Sammlung expressionistischer Kunst dem Museum zur Verfügung stellen, der Gründungsdirektor Jan Hoet aber, künstlerischer Leiter der Documenta IX von 1992, legte den Schwerpunkt auf zeitgenössische Kunst des 21. Jahrhunderts.
Jan Hoet ließ bereits vorbereitend zahlreiche lokale Künstler im Stadtgebiet ausstellen, um die Bevölkerung auf das neue Museum einzustimmen. Die Eröffnungsausstellung trug den Namen „my privat HEROES“ und zeigte bekannte Künstler der Neuzeit. Das Marta verfügt über eine wachsende eigene Sammlung von Werken, die themenorientiert unterschiedlich präsentiert werden, gemeinsam oder im Wechsel mit Ausstellungen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.
Verschweigen sollte man nicht, dass das Bauvorhaben aufgrund seiner Kosten heftig kritisiert wurde. Neben dem größten Anteil der Stadt waren das Land, der Landkreis und private Sponsoren daran beteiligt, dieses mutige Projekt zu realisieren. Mit den Jahren hat das Fremdeln seitens der Bevölkerung nachgelassen, besonders, seit das Café mit einem neuen Betreiber wieder eröffnet hat. Die späteren Ausstellungen nach Jan Hoet und seinem Nachfolger Robert Nachtigäller konnten das „Feuerwerk“ (Jan Hoet) des Anfangs nicht mehr durchgängig halten. Wenn es allerdigs um den genuinen Anlass des Museums geht, wie bei der letzten Ausstellung mit Arbeiten des Designers Luigi Colani, wird Herford als „die größte unter Deutschlands kleinen Städten“ (Bürgermeister Bruno Wollbrink) wohl weiter im Gespräch bleiben.


2) Köln, …
Die rheinische Millionenstadt Köln lässt sich nicht vergleichen mit einer Westfälischen Kleinstadt, auch wenn ich im Vergleich zu früher in den letzten Jahren doch auch viel Provinzielles dort wahrnehme. Auch in der Kunst, denn deswegen erwähne ich das. In den 60er Jahren begann eine Entwicklung, die gleichzeitig einen Kunstmarkt hervorbrachte, dessen Entstehung hauptsächlich durch international vernetzte Galeristen initiiert wurde und eine für alle offene und sehr lebendige Präsentation auf dem großen Neumarkt im Stadtzentrum. Beide Initiativen zogen zahlreiche Besucher an. Die professionelle Präsentation avancierte bald über mehrere Namensänderungen zur Art Cologne, die schließlich in den Messehallen ihren Platz fand. Diese Messe gibt es immer noch, doch hat ihre frühere weltweite Bedeutung durch veränderte Faktoren, wie z. B. Konkurrenz, Alter der Initiatoren, Internethandel und -Auktionen abgenommen.
Die Museumslandschaft in der Stadt hat sich jedoch explosionsartig weiterentwickelt. Ich werde darauf noch eingehen, möchte jedoch für den Augenblick ein Museum vorstellen, dass sich eher am Rand von Aufmerksamkeiten befindet.
…das Kolumbamuseum
Die Kirche St. Kolumba wurde im Mittelalter als romanischer Bau gegründet und im Spätmittelalter wohl auch aufgrund ihrer zentralen Lage über eine dreischiffige zu einer fünfschiffigen Kirche vergrößert. Im zweiten Weltkrieg wurde die Kirche fast völlig zerstört. Eine spätgotische Marienskulptur überstand jedoch das Kriegsgeschehen fast unbeschadet, so dass sowohl die Figur, als auch die Kirche durch die Einwohner Kölns zu dem Namen »Maria in den Trümmern« kamen. 1947 erhielt der Architekt Gottfried Böhm den Auftrag hier eine Kapelle zu errichten, der erste seiner vielen noch folgenden Aufträge nicht nur im Kölner Stadtgebiet. Bei dieser ersten Arbeit kombiniere er bereits noch vorhandene Fragmente aus der zerstörten Kirche mit mit neuen Elemenen. Später wurde im Norden noch eine Sakramentskapelle angegliedert.

Ein Museum war es da aber noch immer nicht. Das entstand, als das Diözesanmuseum des Erzbistums Köln nach der Zerstörung im Krieg und mehreren Zwischenlösungen unter Einbeziehung der Kapelle 2007 in ein Gebäude des Architekten Peter Zumthor zog.


Zumthor machte dabei die verschiedenen Stadien der Kirchen simultan sichtbar. So gibt es eine archäologische Zone, die sowohl im inneren Bereich begehbar, als auch von außen neben dem Eingang zur Kapelle sichtbar ist. Sie enthält Ausgrabungen der früheren Gebäude. Aufgrund der historischen Position der Kirche wurde dieser Ort für den Neubau des Museums gewählt. Auch die beiden Gebäudeteile der Kapelle von Gottfried Böhm sind in den Neubau integriert. auf dem oberen Bild ist die ursprüngliche Außenseite der Chorfenster zu sehen. An der Außenfassade sind Elemente früherer Bauten sichtbar geblieben.


Das Museum verzichtet auf eine demonstrative Präsentation religiöser Inhalte, die natürlich vereinzelt trotzdem vorhanden sind und wurde als ein “Museum der Nachdenklichkeit“ konzipiert. Werke aus dem Bestand werden mit ständig wechselnden Ausstellungen ergänzt. Auf begleitende Texte und Titel wird bei den Objekten verzichtet. Es gibt allerdings einen Kurzführer beim Eintritt. Die besondere Atmosphäre wird durch die fast leeren Räume geschaffen, die die Bedeutung der einzelnen Werke hervorhebt und zugleich das optische Konsumieren von letztlich beliebigen Objekten verhindert.
Zu dieser – auch wenn der Ausdruck abgedroschen erscheint – meditativen Atmosphäre tragen auch die meist bodentiefen Fenster mit teilweise erhöhter Aussicht auf die innerstädtische Umgebung inklusive Dom bei.



Vorne: Bernhard Leitner, RaumReflexion, temporäre Installation 2010. Bild: artfridge, Flickr. (CC BY-NC-ND 2.0)

Stefan Kraus, der Leiter des Museums Kolumba, spricht in einem knapp viertelstündigen Beitrag meiner Meinung nach auf sehr angenehme Weise über diese Installation, die sich vielleicht nicht jedem sofort erschießt:
Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=vRLE1BiwinM


wow, ich muss das noch mal lesen. Hab es bisher nur überflogen und bin wirklich begeistert. Dass Herford so ein tolles Museum hat, hätte ich nicht vermutet.
Colani, ja das wusste ich, dass er was mit der Stadt zu tun hat. Mein Vater war großer Fan.
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