1) Das Richter-Fenster im Kölner Dom
Der Kölner Dom ist nicht nur das Wahrzeichen der Stadt, sondern als die drittgrößte gotische Kathedrale weltweit bekannt und mit jährlich 6 Millionen Besuchern die Hauptattraktion der Stadt für Touristen.
Köln wurde während des Krieges fast vollständig zerstört, nur der Kölner Dom erhob sich scheinbar unberührt über die kilometerweite Trümmerlandschaft und wurde so zum Zeichen für Hoffnung und den Willen, die verlorene Lebensgrundlage wieder aufzubauen. Im Wesentlichen wurde dieser Kraftakt durch die „Trümmerfrauen“ bewältigt, die meisten Männer waren im Krieg gefallen oder noch in Gefangenschaft.

Kölner Dom WW2 10.Mai 1945 – „Trolley-Missionen“. Bild: David C. Foster. (CC BY-ND 2.0) [Die „Trolley Mission“ war eine damals geheime Flugmission der US-amerikanischen Luftwaffe. Im Mai 1945 sind Luftaufnahmen erstellt worden, die deutsche Städte unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen.]
So ganz ohne Schäden ist aber auch der Dom nicht geblieben. Einzig sein eiserner Dachstuhl hat ihn vor dem Einsturz bewahrt, der Druck von Explosionen wurde durch die berstenden Fenster abgeleitet., Freiwillige eilten zur Brandbekämpfung herbei und ein fast 10 m großes Loch im Nordturm wurde notdürftig mit Backsteinen geflickt. Die „Plombe“ sollte ursprünglich als Mahnmal belassen werden, wurde aber über 10 Jahre bis 2005 verblendet.
(Noch ein Bild – https://www.trolley-mission.de/de/kriegsbilder-soldaten-koelner-dom)
Die empfindlichen Fenster sind entweder zerstört oder vorher eingelagert worden. Ihre mittelalterliche Farbigkeit wurde jedoch bereits vorher als „brutal“ empfunden und durch hellere Farben ersetzt, oder, wie das Fenster im südlichen Querhaus, mit einfachen Ornamenten verglast.
Genau dieses Fenster wurde durch die Initiative der damaligen Dombaumeisterin Schock-Werner ab 2006 durch den Künstler Gerhard Richter neu gestaltet.
Gerard Richter, 1932 in Dresden geboren ist in vielerlei Hinsicht ein Ausnahmekünstler. Nach einer längeren Phase des Suchens und Experimentierens mit Kontakten zu vielen westlichen Künstlern fand er zu seiner ersten Ausdrucksform, bei der er Bilder malte, die wie verschwommene Fotos wirkten Das bekannteste ist von seiner Frau mit dem Titel „Ema (Akt auf einer Treppe)“ von 1966. Es wird in Zusammenhang gebracht mit einem Bild von Marcel Duchamp, der in „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ von 1912 das Problem thematisiert und gelöst hatte, wie man auf einem statischen Bild Bewegung darstellen kann. Zeigen darf ich das Bild nicht, daher nur ein Link: https://www.gerhard-richter.com/de/art/paintings/photo-paintings/nudes-16/ema-nude-on-a-staircase-5778
Auch das Richterbild darf ich hier nicht zeigen, deshalb ebenfalls nur einen Link zum Museum Ludwig: https://www.gerhard-richter.com/de/art/paintings/photo-paintings/nudes-16/ema-nude-on-a-staircase-5778
Eine Interpretationshilfe für die Herstellung liefert Richter allerdings durch eine Anzahl dicker Glasscheiben, die er im Museum Ludwig an eine Wand lehnt. Mich selbst durfte ich so aber fotografieren!

Nachdem Entwürfe mehrerer Künstler für das Fenster in Köln vom Kirchenvorstand nicht akzeptiert wurden, machte sich die damalige Dombaumeisterin, Barbara Schock-Werner, für Richter stark, der sich nach seinen Streifenbildern Rechtecken und Quadraten zuwandte. (https://gerhard-richter-archiv.skd.museum/ausstellungen/gerhard-richter-streifen-glas/ )

Richter zerschnitt ein Foto seines für fast 22 Millionen $ an das MoMA verkaufte Bild „4096 Farben“ von 1974 und hielt es hinter das Fenster. 2006 erhielt er den Auftrag für das Fenster. Die Herstellungskosten wurden durch Spenden finanziert, Richter verzichtete auf ein Honorar.
Richter orientierte sich bei der Auswahl der Farben an den für das Mittelalter gebräuchlichen Farben, die zudem die zurückhaltende Farbigkeit der Nachkriegsfenster wieder belebten. Die Fenster bestanden aus fast 12 000 farbigen gläsernen Quadraten, die nach einem Zufallsprinzip über eine Hälfte des Fensters verteilt wurden. Korrigiert wurden nur Stellen, die eine Bedeutung haben könnten, z.B. durch Ähnlichkeiten mit Zahlen und Buchstaben. Die drei linken Bahnen wurden spiegelverkehrt auf die rechte Seite übertragen.
Der damalige Kölner Kardinal Joachim Meisner war alles andere, als erfreut. Der Kabarettist Jürgen Becker beschrieb den Katholizismus in Köln mit einem schulischen Beispiel, bei dem eine 4- reicht, um in den Himmel zu kommen.
Die liberale Religionsauffassung in Köln hatte aber Tradition. Im Winter 1946 fror die mittellose Bevölkerung bei zweistelligen Minusgraden und stahl Kohlen von Güterzügen. Der damalige Erzbischof Josef Frings legitimierte in der Silvestermesse das Nehmen von lebensnotwendigen Dingen. Die nun erleichterte Bevölkerung beschaffte sich mit Gottes Segen Kohlen und Lebensmittel und prägte hierfür den Ausdruck „Fringsen“:
Und so war schon seit längerem nicht das neue Domfenster ein Problem, sondern eher der konservative Kardinal Meisner, eine Fehlbesetzung im weltoffenen Köln, der sogar seinen Bischofsstuhl versetzen lassen wollte, um das Fenster nicht sehen zu müssen, was allerdings nicht geschah:
Vita brevis, ars longa!

2) Andere Künstler
Gerhard Richter ist keineswegs der erste, der sich mit Rechtecken beschäftigt hat. Als erster fällt mir Paul Klee (1879 – 1940) ein, der mehrere Bilder mit Rechtecken gemalt hat. Bereits auf der „Tunisreise“, die er zusammen mit August Macke und Louis Moillet unternommen hatte, wandte er sich malerisch dabei den eher kräftigen Farben des Orients zu.

Zwar entstammte Klee dem Umfeld des Blauen Reiters, hatte aber eher grafisch gearbeitet und erst auf dieser ersten Reise zu seiner farbigen Ausdrucksweise gefunden, ebenso wie zu seinen abstrakten geometrischen Formen. Sein bekanntestes Bild »Hauptweg und Nebenwege« resultiert aus Eindrücken einer späteren Reise nach Ägypten.

Hier verbindet er die Farben des Südens mit dem Komplementärkontrast von Blau und Orange in einer streng grafischen Anordnung, die oft mit einem musikalischen Prinzip in Zusammenhang gebracht wird. So gehen von dem perspektivisch sich verjüngenden Hauptweg mit völlig graden Rändern zahlreiche „Nebenwege!“ ab, die sich mehrfach in Rechtecke gliedern deren Zahl sich jeweils verdoppelt, wie die Tonlängen in der Musik. Klee selber nannte diese Reihung „Cardinal-Progression“. Verlaufen die waagerechten Linien parallel zu den Bildrändern, geben also eine Ordnung vor, so sind die senkrechten Linien außer den Begrenzungen des Hauptweges unregelmäßig und könnten so die individuellen menschlichen Wege symbolisieren. Am unteren und oberen Bildrand sind ungeteilte blaue Streifen, die oben das Meer und unten den Nil meinen könnten.
Klee war allerdings auch nicht der erste Künstler, der das Rechteck ins Bild brachte. Kasimir Malewitsch (1879 – 1935 ) hatte bereits 1915 sein »schwarzes Quadrat auf weißem Grund« gemalt, mit dem Ziel, die Kunst von jeder Gegenständlichkeit zu befreien. Über Malewitsch könnte man wieder einen eigenen Blog verfassen, ebenso, wie über Klee und noch weitere Künstler, hier geht es mir aber nur um Beispiele. Der von ihm geprägte Begriff des „Suprematismus“ sollte allerdings noch erwähnt werden. Malewitsch schrieb: »Unter Suprematismus verstehe ich die Suprematie der reinen Empfindung.« und: »[…]das beglückende Gefühl der befreienden Gegenstandslosigkeit riß mich fort in die ,,Wüste“, wo nichts als die Empfindung Tatsächlichkeit ist […][1] Die bisherige gegenständliche Kunst sei stets im Dienst anderer Interessen, wie der von Staat und Religion gewesen, schrieb er noch.

Diese Werke, die sich demonstrariv von der Gegenständlichkeit abwenden, werden zunächst als schwer zugänglich empfunden. Allerdings gibt es eine Kunstform, die eventuell einen Schritt zu größerer Akzeptanz möglich macht, die sogenannte „Angewandte Kunst“, zum Beispiel von Sophie Taeuber-Arp (1889 – 1943). Wenig populär und bekannt, sind ihre Bilder leider nicht im Netz freigegeben, so dass es hier nur eine paar Links gibt: ttps://www.moma.org/audio/playlist/318/4115 und: https://sophietaeuberarp.org/vertikal-horizontal-komposition/
Von hier ist es nur ein kleiner Schritt zu den verschiedenen Werken des Bauhauses, an dem ja auch Paul Klee unterrichtet hatte. Im Design von Textilien, Decken, Gardinen und Kleidungsstücken sind solche Muster eher vertraut und akzeptabel. Die Frage ist dabei sowieso „Wo hört die Kunst auf und wo beginnt das Design?“, die sich übrigens im Bereich der Architektur ebenso stellt. Auch hier mag jede(r) eine eigene Antwort finden.
Im Zusammenhang mit „Bauen“ kommt auch Theo von Doesburg (1883 – 1931) ins Spiel. Er war Mitarbeiter und später Herausgeber der Zeitschrift »De Stijl«, nach der dann auch die Kunstrichtung benannt wurde. Die Idee war, aus den Grundelementen von Formen eine ideale Sichtweise der Welt zu erzeugen. Über das untere Bild schrieb er 1917:
„Ich habe ein Bildnis von Helena in Buntglas entworfen! Es schlägt das Mittelalter vollkommen in Stücke! Noch Stunden später zitterte ich, und selbst jetzt strömen Tränen in meine Augen, wenn ich die Studie ansehe. Es ist die schönste Sache, die jemals in Buntglas gemacht wurde.“ (Zitiert nach artinwords.de)

Van Doesburg war sehr vielseitig interessiert. Neben der künstlerischen Arbeit war er zunächst Autor, auch unter verschiedenen Pseudonymen und später Herausgeber der Kunstzeitschrift „De Stijl“. Wie das obige Bild eines Glasfensters vermuten lässt, beschäftigte er sich auch mit Architektur, was ihn u.a. auch zum Weimarer Bauhaus führte, wo er Architektonische Gestaltung unterrichtete. Da er noch etwas radikaler über die ursprünglichen Bauhaus-Ideen hinausging, stieß er nicht überall auf Zustimmung.

Architektonisch interessiert und bewandert, hat er zwar Modelle und Zeichnungen realisiert, allerdings kein einziges Gebäude, schließlich war er ja auch kein Architekt.

Gemeinsam mit Sophie Teuber-Arp und Hans Arp hat er allerdings die Innenräume des Café Aubette in der gleichnamigen Passage in Strasburg gestaltet
Weitere Bilder: https://www.mrkcoolhunting.com/en/posts/46/cafe-aubette.html
Van Doesburg dominierte diese gemeinsame Arbeit und hielt sich auch bei späteren Initiativen nicht zurück, so dass der Kreis von Künstlern um ihn immer kleiner wurde. Erst 1931 initiierte er eine größere Gruppe von Künstlern, u.a. Alexander Calder, der durch seine Mobiles bekannt wurde, die wiederum aus seiner Begegnung mit Mondrian entstanden sind.
Theo van Doesburg verstarb wenige Wochen nach Gründung dieser Gruppe, die danach noch sechs Jahre bestand.
Nach dem Domfenster dachte ich zuerst an Piet Mondrian (1872 – 1944), dem wohl bekanntesten Vertreter von Bildern mit rechteckigen Formen. Seine Malweise entwickelte sich über mehrere Phasen von immer abstrakter werdenden Arbeiten zu den für ihn mittlerweile typischen Rechtecken. Über London floh er nach Amerika, wo er in NewYork zu seiner endgültigen Bildsprache fand.

Mondrians Entwicklung war geprägt durch zahlreiche Kontakte zu Künstlern seiner Zeit, immer stärkere Beachtung und zunehmenden Erfolgen, die in finanzieller Hinsicht aber enttäuschend waren. Im zweiten Weltkrieg emigrierte er zunächst nach England, dann nach Amerika, wo er bereits durch Ausstellungen als wichtiger Vertreter der abstrakten Kunst bekannt war. Details, die zunächst nebensächlich erscheinen, wie z.B. weiße Rahmen um die Bilder statt Aluminium, oder die Verwendung von Klebestreifen zur Abgrenzung der für ihn typischen Farbflächen aus den Grundfarben und Weiß markieren wichtige Etappen seiner Entwicklung.

Mondrians Kunst wurde in Amerika stärker geschätzt, als in Europa, wo seine radikale Reduktion auf wenige geometrische Formen und Farben noch nicht den Geschmack des Publikums traf. Seine theoretischen Schriften fanden unter Künstlern weite Beachtung. Ein weiterer Grund war, dass die Entwicklung der amerikanischen Kunst stagnierte und Mondrian neue Impulse setzte.

Sein letztes Bild hat Mondrian sehr oft und lange überarbeitet. Kurz vor seinem Tod hat er noch einmal radikale Veränderungen vorgenommen. Am 1. Februar 1944 starb Mondrian und ließ das Werk nur fast vollendet zurück. Der Titel, den das Bild erst nach Mondrians Tod erhielt, lehnte sich an das vorige Bild an und gab sowohl Mondrians Begeisterung für die amerikanische Musik, als auch den Triumpf des erwarteten Sieges über Deutschland wieder. Es wird als Nachfolge von Picassos Guernica gesehen, das anders als bei Picasso, den Sieg der Alliierten und die damit verbundene Freiheit steht.

Lange währte die Begeisterung aber nicht, was meiner Meinung vielleicht daran lag, dass seine radikale Abstraktion nicht mehr zu steigern war. Die amerikanischen Künstler entwickelten stattdessen mit dem Abstrakten Expressionismus von Künstlern, wie James Pollock, Mark Rothko, Barnett Newman oder Robert Motherwell eine sehr ausdrucksstarke Variante der Abstraktion, die wiederum aufgrund ihrer offensichtlichen Formlosigkeit und dem damit verbundenen Traditionsbruch in Europa zunächst auf Ablehnung stieß.
[1] Kasimir Malewitsch, Die Gegenstandslose Welt, Bauhausbücher 11, München 1927, S 65 u. 67.

Wirklich schade und ganz und gar zur Unzeit, dass die Plombe nicht sichtbares Mahnmal und Warnung vor erneuter völkischer Hybris und kriegerischem Wahn blieb.
Und sehr schade auch um die schönen alten Fenster.
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Bei der Plombe stimme ich dir voll und ganz zu! das sind sichtbare Zeitzeugen. Wir Menschen behalten ja auch unsere Narben.
Bei den Fenstern bin ich anderer Meinung. die alten Originale wurden ja zerstört und Richter hat die Farbigkeit rekonstruiert, die Formen aber erneuert. Außerdem ist es nur ein einziges Fenster. aber es ist natürlich auch Geschmacks- oder Ansichtssache, da muss es keine allgemeingültige Stellungnahme geben. Jedenfalls freue ich mich überdeien Kommentar!
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Dass aus den Glasscherben nichts mehr zu machen war kann ich nachvollziehen. Man sollte halt nachdenken, bevor man derlei mutwillig zerdeppert und vielleicht einfach keinen Krieg anfangen!
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