Seurat

Georges Seurat (1859 – 1891) entdeckte bereits als Siebenjähriger seine Leidenschaft für’s Zeichnen. Sein Onkel führte ihn früh auch in die Malerei ein. Als Teenager besuchte er zunächst Zeichenkurse und trat dann in die staatliche École des Beaux-Arts ein. Er verließ diese Akademie wieder, nachdem er eine Ausstellung der Impressionisten besucht hatte.

Anfang der 80er Jahre bestanden seine Arbeiten fast ausschließlich aus Zeichnungen, wobei er grobes Papier bevorzugte. Die daraus entstandenen Strukturen scheinen die Vorläufer seiner späteren farbigen Punkte zu sein. Für seine späteren Bilder griff er bei seinen zahlreichen Vorstudien weiterhin auf diese Technik zurück

Sitzende Frau mit Sonnenschirm (Studie für La Grande Jatte), (1884/85), Art Institute of Chicago. (CC0)

Dass der Postimpressionist Seurat seinen Ursprung im Impressionismus hatte lässt sich an seinen frühen Arbeiten ablesen. Sie scheinen auf den ersten Blick mit impressionistischer Leichtigkeit auf die meist kleinen Malgründe geworfen zu sein. Bei genauerer Betrachtung erkennt man aber eine durchdachte Anordnung der Bildelemente, eine kontrollierte Farbigkeit und noch experimentierende Pinselführungen. Auf diese Weise fertigte er auch seine zahlreichen Studien als Vorbereitungen für seine großen Bilder an. Bei den Badenden unten sieht man eine solche Vorstudie.

Während seiner Lehrjahre erfuhr er durch ein Buch über die Grammatik der Zeichenkünste, dass die Farben in ihrer Wirkung bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Diese eher naturwissenschaftliche Thematik beschäftigte ihn lebenslang. Das Prinzip dieser Erkenntnisse war, dass die optische Wahrnehmung sich durch die Kombination verschiedener Farben verändert, obwohl die Farben selber dieselben sind. Wirklich bekannt geworden ist Seurat aber durch seine konsequente Anwendung der optischen Mischung, bei der kleine Punkte verschiedener reiner Farben aus der Entfernung als gemischte Farben erscheinen. So verschwimmen z. B. reines Rot und Blau zu Violett. Ein vergrößerter Ausschnitt aus seinem bekanntesten Werk macht das deutlich.

Eine Vorstufe dieser Technik war der „Divisionismus“, der vom Namen her ja auch schon eine Farbtrennung thematisierte, allerdings noch nicht aus Punkten, sondern aus kurzen Strichen. Ein Beispiel sahen wir bei Pissarro (Blog vom 8.10.2023)

In seinem bekanntesten Bild, »Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte« hat Seurat weitere optische Effekte nicht den Augen der Betrachter überlassen, sondern selbst aktiv eingesetzt. Vielleicht ist ein Bild zu schwach, um diesen Effekt der Natur zu erzeugen. Bei dem braunen Baumstamm aus demselben Bild sehen wir einen „Simultankontrast“, bei dem das Auge zu einer Farbe immer die dazugehörige Komplementärfarbe wahrnimmt, in diesem Beispiel also Orange vor Blau.

Den Begriff Komplementärkontrast benutzte ich bereits öfter in meinen Blogs. Er basiert auf dem Farbkreis von Johannes Itten und besagt, dass zwei Farben, die auf dem Farbkreis gegenüber liegen, diesen Kontrast erzeugen. (Auch wenn ich davon ausgehe, dass die Leser:innen dieser Blogs damit vertraut sind, möchte ich die Anordnung noch einmal veranschaulichen.)

Der obige Ausschnitt ist Teil eines der bekanntesten Bilder von Georges Seurat, »Ein Sonntag-Nachmittag auf der Insel La grande Jatte«. Diese Insel, befindet sich unweit von Paris in der Seine. Eine bereits sehr weit ausgearbeitete Studie wird im MET-Museum gezeigt, das endgültige Werk im Art Institute of Chicago. Ausgestellt wurde es zunächst bei der letzten Gruppenausstellung der Impressionisten 1886 und danach im zweiten Salon des Indépendants im gleichen Jahr.

Georges Seurat, Studie für »Ein Sonntag auf La Grande Jatte«. 1884, Metropolitan Museum of Art, New York. (OA)
Georges Seurat, Ein Sonntag auf (der Insel) La Grande Jatte, 1884-1886, Art Institute of Chicago. (CC0)

Die Insel war ein Naherholungsort, der für alle sozialen Schichten offen war, so wie sie auch Seurat in seinem Bild dargestellt hatte, allerdings wurde sie vorzugsweise von den eher wohlhabenden Einwohnern von Paris genutzt.

Das Bild selbst, mit einer Größe von ca. 2 x 3 Metern passt in seiner Anmutung zu der sehr aufwendigen und akribischen Malweise. Die kerzengrade stehenden Figuren wirken steif und hölzern, auch die Sitzenden haben mehrheitlich einen sehr steif wirkenden geraden Rücken.

Trotzdem gibt es Szenen, die Lässigkeit und sogar Humor aufweisen. Der halb liegende Mann vorne links ist ein Ruderer, jedoch ohne die typische Kleidung mit Frack und Zylinder, wie auf dem Bild von Gustave Caillebotte (Blog vom 17.10.2023), sondern mit Käppi und kurzer Hose. Der stehende Trompeter hat ein Instrument, dessen Horn nicht nach vorne zeigt, sondern zu dem Blasenden selbst. Dahinter geht gerade ein Dampfer unter, während sich in einem Regattaboot daneben vier Ruderer von einer Frau mit Sonnenschirm steuern lassen. Etwas Bewegung bringen die drei Tiere im Vordergrund ins Bild, zwei Hunde und ein Äffchen.

Vergrößerter Ausschnitt, wie oben: FriedeWie, via Wikimedia Commons. (CC0)

Beide Bilder hat Seurat mit einem farbigen Rand ausgestattet, der einen Komplementärkontrast zu dem angrenzenden Bildinhalt darstellt. Unterhalb des kleineren Hundes unten ist ein Stück der Wiese entweder vertrocknet oder durch Sand ersetzt, jedenfalls gelb, der Rand darunter aber blau, während die grünen Stellen daneben mit der Komplementärfarbe Rot eingerahmt sind.

Gegenüber seinem Freund Paul Signac hatte Seurat geäußert, dass er ebenso gut jedes andere Motiv hätte wählen können, dass er aber bewusst ein typisches Motiv der Impressionisten gewählt habe, um deren Bilder auf seine Weise zu interpretieren. (Quelle: Alexandra Matzner, Art in Words vom 16.September 2016)

Ein weiterer optischer Effekt, der andeutungsweise auch auf den Insel-Bildern zu sehen ist, wird bei dem Bild der Felsnase « Bec du Hoc » deutlicher umgesetzt. Neben einem dunkleren Vordergrund umrahmt der Hintergrund die rechte, dunklere Seite des Felsens etwas heller, als das weiter entfernte Meer. Abgeleitet von dem Englischen „halo“ für Heiligenschein findet sich dieser Begriff auch – nicht optisch – im sozialen Miteinander, wo vom äußeren Schein auf innerliche Qualitäten geschlussfolgert wird, oftmals aber fälschlich.

Georges Seurat, Der Bec du Hoc bei Grandcamp, 1885, Modern Tate, London. © Tate, London 2024. ( Für nicht-kommerzielle Nutzung freigegeben.)*

So Aufsehen erregend Seurats Malweise auch war, so wurde sie doch auch sehr kritisch wahrgenommen. Steif und hölzern seien die Menschen dargestellt, weshalb ein solches Verfahren wohl eher für Landschaften geeignet sei. Seurat antwortete darauf mit einem Bild: »Die Modelle« (Les Poseses) von 1887/88. Er sparte dabei nicht mit Anspielungen. Zuallererst ist das Bild von der Grande Jatte als Ausschnitt im Hintergrund zu sehen, so dass Seurat mit diesem Bild klarstellt, dass es in der Tat eine Antwort auf die früheren Kritiken ist. Sehr wohl eigne sich seine Malweise also auch für Menschen, die nicht hölzern, sondern lebendig waren, was demonstrativ von allen Seiten, von hinten, vorne und von der Seite gezeigt wird. Alle drei, die übrigens immer von demselben Modell gemalt wurden, sollen auf die Drei Grazien aus dem Urteil des Paris verweisen. Dabei spielt die links Sitzende zugleich auf die badende Frau von Ingres an, die rechte hat die Sitzposition einer antiken Figur, die sich einen Dorn aus dem Fuß zieht. Unbekleidet dürften sie auch auf Manets Skandalbild des Frühstücks im Grünen anspielen.

Georges Seurat, Les Poseuses (Die Modelle), 1886-1889, The Barnes Foundation, Philadelphia, USA. Unter Bedingungen für nicht kommerzielle Publikation zugelassen.*

Das zweite sehr bekannte Werk Seurats ist etwas früher entstanden. Dieses Bild war Seurats erste große Komposition, die er malte, als er noch keine 25 Jahre alt war. Es sollte eine großformatige Arbeit sein, mit der er sich auf dem offiziellen Salon im Frühjahr 1884 profilieren wollte, sie wurde allerdings abgelehnt.

Seinem Ursprung aus dem Impressionismus trägt er neben den frühen Arbeiten auch Rechnung bei den vierzehn Vorstudien zu diesem Werk.

Dieses Bild zeigt das andere Ufer der Seine, wo sich nicht die wohlhabenden Bürger trafen, wie auf der Insel, sondern Arbeiter und einfache Menschen, die ebenfalls an der Seine Entspannung suchten. Vielleicht sogar mit größerem Genuss beim unbeschwerten Bad, als die steife Gesellschaft am anderen Ufer. Der sitzende Knabe blickt jedoch eher betrübt mit gekrümmten Rücken auf den Fluss. Im Hintergrund sieht man die rauchenden Schornsteine der Fabriken, in denen diese Badenden ihr Geld verdienten. Sie und auch eine Brücke bringen die moderne Arbeitswelt in die beschauliche Szene am Fluss.

In der Zeit während und nach den Arbeiten an «La grande Jatte» verbrachte Seurat auf Empfehlung Signacs einige Sommer an der Kanalküste. Dort entstanden einige sehr ruhige, mittelgroße Bilder.

Georges Seurat, Der Leuchtturm von Honfleur, 1886, National Gallry of Art, Washington D.C. (PD0)
Georges Seurat, Einfahrt des Fischereihafens, Port-en-Bessin, 1888, The Museum of Modern Art, New York, Lillie P. Bliss Collection. Bild: Paul Brady, flickr. (CC BY-NC-ND 2.0)

Seurats pointillistische Arbeiten haben nichts mehr mit der schwungvollen Freilichtmalerei der Impressionisten gemein. Trotzdem knüpft Seurat über seine Studien an diese Richtung an, so dass der Impressionismus nach der Vorsilbe „Post“ zurecht über seiner Kunst steht. Umgekehrt haben sich viele Impressionisten auch in dieser Technik versucht. Van Gogh hat seine zweite Version des Sämanns (https://krollermuller.nl/en/vincent-van-gogh-the-sower) auf ähnliche Weise gestaltet. Der oben erwähnte Pissarro (Blog vom 8.10.2023), war mit Seurat befreundet und hat aus dem Divisionismus heraus eine Zeit lang pointillistisch gearbeitet, sich aber wieder abgewendet, weil diese Technik zu viel Zeit gekostet hat und Pissarro aus finanziellen Gründen schneller arbeiten wollte. Auch Paul Signac war ein Freund Seurats. Er entwickelte gemeinsam mit ihm den Pointillismus aus dem Divisionismus heraus.

Georges Seurat verstarb Ende März 1891 mit 31 Jahren an Diphterie.

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