Ben Vautier, genannt Ben, geboren am 18. 7. 1935 in Neapel folgte am 5. 5. 2024 in Nizza seiner geliebten Frau in den Tod, wie ihre Kinder Eva und François bekannt gaben.
Menschen haben zwei Beine, zwei Arme, zwei Augen, zwei Ohren und auch zwei Gehirnhälften. In der einen wird u.a. unsere Sprache verarbeitet, in der anderen Gefühle und Bilder.
Der Künstler Ben Vautier hat, wie unser Gehirn, die beiden Hemisphären verbunden, Er hat Worte gemalt und Bilder geschrieben. Oftmals mit weißer Farbe auf schwarzem Grund, seinem Markenzeichen. Auch wenn diese Bilder sich oft ähneln, gibt es keine zwei, auf denen er denselben Text gemalt hat.

Er hat auch noch anderes gemacht, er eröffnete z.B. einen Laden für gebrauchte Schallplatten in Nizza, dessen Sortiment bald auf alles Mögliche erweitert wurde und sich zu einem „Zentrum für totale Kunst“ entwickelte. Die Räumlichkeit wurde zu einer Skulptur, die sich ständig veränderte, wurde vom Laden zum Atelier, zum Versammlungsraum für die Künstler aus Nizza. Die Dinge aus Kunst und Alltag flossen ineinander, wie es die Fluxus-Bewegung anstrebt, der Ben zugrechnet wird. Das Centre Pompidou erwarb dieses Kunstwerk 1972 für seine Räumlichkeiten, wo Ben es weiter „pflegte“.

Ein weiterer Übergang von der Kunst in den Alltag ist eine Installation an der Place Fréhel in dem Pariser Stadtviertel Belleville. Zu sehen sind zwei menschliche Figuren, die als Arbeiter ein sehr großes Plakat an der Wand anbringen, einer sitzt auf dem Dach, der andere steht auf einer Arbeitsplattform, von der aus er das bereits in Schieflage geratene Plakat versucht auszurichten. Auf dem Plakat steht in der für Ben typischen Schrift übersetzt „Man muss Worten misstrauen“.

Und da sind wir bei den Kunstwerken, die jeder mit diesem Künstler in Verbindung bringt, diese oft rätselhaften Texte aus wenigen Worten oder bisweilen auch nur einem einzigen Wort in großer weißer Schreibschrift auf meist schwarzem Grund. Auch wenn Worte Bedeutungen haben, sind sie bei Ben nie eindeutig. Das Wort „je“, also „ich“ hat für jeden der es ausspricht eine andere Bedeutung, denn „Ich“ ist jedes Mal ein anderer, wie schon Rimbaud wusste. Sprache ist nicht nur ein genormtes Kommunikationsinstrument für Geschäftsbriefe, oder Ähnliches, sie hat in Literatur und Poesie einen Schimmer des Unaussprechlichen.

Die Sprache ist eine Errungenschaft der Menschheit, sie ist unersetzlich, aber sie ist nicht perfekt. Ben lehrt uns, unter ihre Oberfläche zu schauen und hören. Für den Schweizer Pavillon der Weltausstellung 1992 schuf er Das Motto „Die Schweiz existiert nicht“. Die Existenz der Schweiz stellt er damit keineswegs in Frage, aber die mit dem bestimmten Artikel assoziierte Einheit sehr wohl, Die (eine) Schweiz gibt es nicht. Sie hat alleine schon vier Amtssprachen, sowie zahlreiche Dialekte. Und jedes oben erwähnte „Ich“ hat wohl seine (eigene Vorstellung von der) Schweiz.

Für die Einladung zu seiner Ausstellung im Ausstellungshaus seines Freundes Daniel Spoerri in Hadersdorf bei Wien zeichnete er sich mit einem Schild in der Hand auf dem steht: “Ich bin noch nicht tot.“ Auch wenn Ben am 5. Juni 2024 verstorben ist, ist tot nur ein Wort und wir sollten Worten ja nicht trauen.
Der Künstler Ben Vautier lebt in seinen Werken weiter, aber als Mensch wird er uns fehlen. Oder mit den Worten von Eva und François Vautier: „Die Genies bleiben niemals alleine. Wir erinnern uns an Annie und Ben Vautier als ein emblematisches Paar der Kunst des 20. Jahrhunderts“.

wow!! 31Seurat
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