Das 19. Jahrhundert ist die Zeit der großen Umbrüche, 1848 gab es Revolutionen in Deutschland und Frankreich, ein Krieg tobte zwischen diesen beiden Ländern 1870/71, es gab explosive Entwicklungsfortschritte in den Naturwissenschaften, allen voran in der Medizin und der Technik, dazu die industrielle Revolution, verbunden einerseits mit der Entstehung kapitalistischer Unternehmensstrukturen und auf der anderen Seite des verarmten Proletariats.

(CC BY 3.0)
Bedeutsame Veränderungen für die Kunst brachte die Erfindung der Fotografie, die die Dominanz in der Welt der Bilder übernahm und die Idee enstehen ließ, etwas anderes darzustellen als die bloße Außenansichtt der Motive. Auch die Entwicklung des Schienenverkehrs spielte eine Rolle und zwar eine direkte und eine indirekte. Direkt entstand für Künstler die Möglichkeit Orte außerhalb ihrer Ateliers aufzusuchen, sowohl zur Findung von Motiven, als auch durch das Malen vor Ort, statt im Atelier. Indirekt war die Wirkung auf die Wahnehmung der Welt. Waren bisher geradlinige Verbindungen von A nach B die Regel, entstand plötzlich ein ganzes Netz an Möglichkeiten, Waren und Personen zu befördern. Welche Bedeutung diese Entwicklung hatte, zeigt sich in der vielfältigen Verwendung des Begriffes „Netz“ bis heute. Die neuen Realitäten hielten Einzug in das allgemeine Bewusstsein. Die Welt wurde komplex und kompliziert.

Ein Beleg für diesen allgemeineren Gedanken ist für mich die kometenhafte Entwicklung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert auf der Basis eines veränderten Vorgehens nach wissenschaftlichen Kriterien.
Noch einmal deutlicher wird dies am Beispiel der Medizin. Im Mittelalter und auch noch danach, war der Glaube an die Heilkraft einer nicht immer glaubwürdigen Person geknüpft. Kräuterkundige wie Hildegard von Bingen waren eine Ausnahme und erreichten auch nicht jedermann. Im 19. Jahrhundert begann die Forschung im heutigen Sinn. Eine Vielzahl von Möglichkeiten wurde in Erwägung gezogen und nachprüfbar in Versuchen erforscht, um ein Krankheitssymptom zu bekämpfen. Die Ursache der Pest z.B. wurde durch die Forschungen des schweizerisch-französischen Arztes Alexandre Yersin in Hongkong identifiziert.

Charles Darwin ersetzte den Gedanken eines göttlichen Schöpferwillens für die Existenzen in der Realität durch die Theorie der Evolution. In der Literatur gelang Balzac als letztem mit seiner Comédie humaine der vermutlich vollständige Entwurf eines Sittenbildes der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Für den Realisten Émile Zola war ein umfassender Blick auf eine komplex gewordene Welt schon nicht mehr möglich. Eher anekdotisch mag da noch die Erfindung der Briefmarke sein, denn abgesehen von ihrer Funktion bei der Postzustellung zeigte sie oft künstlerische Motive und so konnte jeder seine kleine Sammlung von sonst unerschwinglichen Kunstwerken zusammenstellen. Die Idee entwickelte der Schriftsteller und Kulturmininster unter De Gaule weiter zu einem »imaginären Museum«. Museen im heutigen Sinn gab es zuerst ganz am Ende des 18. Jhds., in Deutschland 1779 mit dem Museum Friedericianum in Kassel.

Das 19. Jahrhundert bringt viele Fortschritte in den angesprochenen Bereichen und wahrscheinlich noch in vielen mehr, was zur Folge hat, dass sich nicht nur die Welt durch die Neuerungen ändert, sondern auch der Blick darauf. Das berührt natürlich auch die Kunst, die durch die Fotographie in einem Teil ihres Selbstverständnisses in Frage gestellt wurde, die sich aber auch in ihrem stetigen Wandlungsprozess im Lauf der Geschichte immer wieder neuen Ausdrucksformen zuwandte. Die Art zu malen der naturalistische Malergruppe in Barbizon, mit Jean-Baptiste Camille Corot und Jean-François Millet, wurde ermöglicht durch die Neuerungen der Eisenbahn, die sie zu den Orten brachte, an denen sie im Freien arbeiten konnten, sowie durch Farben in Tuben, die man problemlos mitnehmen konnte. Inhaltlich setzten diese Künstler bereits alltägliche, auch sozialkritische Themen um. Nach der Natur zu malen war eine einschneidende Erneuerung, der englische Maler Thomas Gainsborough hatte im Jahrhundert davor noch Objekte in der Natur gesammelt, um sie im Atelier als Vorlagen zu haben.


Im Zentrum dieser Entwicklung stand dann der Impressionismus, der auf den Neuerungen der Künstler aus Barbizon aufbaute und sie zur Kunst der Moderne im eigentlichen Sinn weiterentwickelte. Der Begriff „Moderne“ als Epoche in der Kunst und auch in anderen Bereichen wird allgemein für die Zeit ab, bzw. um 1848 definiert. (Wenn man sich für die zeitliche Einordnung von Kunstrichtungen inerressiert, wird man feststellen, dass Informationen aus verschiedenen Quellen voneinander abweichen. Das ist auch hier der Falll, aber die Unterschiede scheinen größer zu werden, wenn man weiter in der Geschichte zurückgeht. Feste Grenzen können nicht gezogen werden, oft durchlaufen Künstler z.B. verschiedene Stilepochen. Allerdings ist 1848 durch die Revolutionen in Deutschland und Frankreich ein Jahr mit deutlichen Einschnitten.) Die Impressionisten schufen nicht mehr ein möglichst naturgetreues Abbild, sondern gaben die Erscheinung des Lichts an der Oberfläche wieder, den Eindruck eines Augenblicks, der beim Betrachter entstand. Fast so schnell wie die Dauer des Augenblicks wurde er auf die Leinwand gebannt.

Auf Genauigkeit der Darstellung wurde dabei natürlich nicht geachtet, sie wurde sogar teilweise bewusst vermieden. Kennzeichnend war auch, dass das Bild eines Menschen oft nicht mehr im Vordergrund stand, sondern Personen fast schon nebensächlich in die dominierende Landschaft eingefügt wurden. Auch hier verlässt man also die primäre Fixierung auf menschliche Hauptakteure zugunsten einer Präsentation in einem gleichwertigen Zusammenhang mit der umgebenden Welt.

Die leichten und freundlichen Bilder entstanden in durchaus kritische Zeiten. Die revolutionären Aufstände von 1848 forderten bereits 30 000 Tote, beim Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 waren es 180 000 Tote auf beiden Seiten. Sie hinterließen schwere gesellschaftliche Wunden. Übrigens brachte daraufhin die Entwicklung der Fotographie eine neue Richtung hervor, die Kriegsfotografie.

Grausame Realitäten hielten Einzug in das Bewusstsein. Im Nachklang dieser Ereignisse integrierte die Malerei des Impressionismus alltägliche, realistische und weniger sonnige Sujets mit teilweiser kritischer Intention. In Frankreich war es allerdings offensichtlich nur Monet, der sich für diese Motive interessierte. In Deutschland gab es mehrere Künstler, am bekanntesten sind wohl Max Liebermann und Adolf von Menzel, der allerdings auch aufgrund dieser modernen Motive oft als Realist eingestuft wird.



In vielen Bildern führt die zurück genommene Präsenz von Menschen dazu, dass diese nun Teil einer bildnerischen Struktur werden, gleichwertig neben anderen Elementen. Deutlich wird das u.a. beim Bahnhof von Saint Lazare von Monet, ebenso wie auch davor bei dem Inselbild von 1869. Hier ein Beispiel von Renoir:

Absolut ist diese Entwicklung allerdings nicht und so ist der eben erwähnte Renoir mit vielen Werken zugleich der Beweis des Gegenteils, allerdings zu einer Zeit, in der er sich bereits vom Impressionismus gelöst hatte. Bei dem Frühstück der Ruderer wurde rechts unten, der Mann mit dem Strohhut, bereits im letzten Blog als Caillebotte beschrieben, außerdem ist Renoirs Verlobte links mit dem Pudel zu sehen, hinter ihr der Sohn des Besitzers des Lokals. Man kann hier wohl von einem Gruppenportrait sprechen, weshalb die Personen wie in Einzelportraits im Mittelpunkt stehen.

In seinem bekanntesten Bild, dem Tanz im Moulin de la Galette, sind wohl auch einige Freunde abgebildet, deren Namen ich aber nicht gefunden habe. Außerdem nimmt die erkennbare Deutlichkeit nach hinten ab, so dass die lebhafte Bildstruktur zum eigentlichen Inhalt wird, ähnlich, wie bei dem deutschen Max Liebermann. 1
https://www.musee-orsay.fr/fr/oeuvres/bal-du-moulin-de-la-galette-497
Dieser Beitrag ist eine erweiterte Neufassung eines Textes vom 7.8.2021.
- Ich verzichte hier auf Bilder, denn ich möchte die beiden genannten Maler in späteren Beiträgen vorstellen. ↩︎
