Alfred Sisley (1839 – 1899) war ein in Frankreich geborener und lebender englischer Maler. Für eine ungeliebte kaufmännische Ausbildung wurde er nach London geschickt und begegnete dort den Werken von Constable und Turner. Turner hatte unabhängig vom französischen Impressionismus atmosphärisch dichte Bilder geschaffen, bei denen das Licht die realen Bildgegenstände überdeckte und oft schemenhaft durchschimmern ließ. Constable hatte viele sehr genaue Wolkenstudien angefertigt, die wohl Sisley zu seiner sorgfältigen Gestaltung des Himmels in seinen Bildern anregten. Über den Himmel, sagte er:
„Das eigentliche Mittel ist der Himmel, er darf nicht nur Hintergrund sein. Im Gegenteil, er verleiht mit seinen verschiedenen Ebenen dem Bild Tiefe, und über seine Form, sein Arrangement in Zusammenspiel mit der Wirkung und dem Aufbau des Bildes verleiht er ihm auch Bewegung.“[1]

Wieder in Paris erlaubten ihm die Eltern, sich der Kunst zuzuwenden und so traf er in der Atelierschule des Schweizers Charles Gleyre auf Renoir, Monet und Pissaro. Noch wohlhabend gibt er wohl an Renoir den Auftrag eines Bildnisses von ihm und seiner Lebensgefährtin Eugénie Lescouezec.

Gemeinsam gingen die noch jungen und unbekannten Impressionisten dann bei ihren Ausflügen in den Wald von Fontainebleau bei den Malern der sogenannten „Schule von Barbizon“, insbesondere bei Corot und Courbet in die Lehre. An diesen Beispielen wird die Bedeutung des Einflusses von Künstlern untereinander allgemein deutlich. Daneben gibt es aber auch äußere Umstände, z.B. dass es jetzt Farben in Tuben gab, die man mitnehmen konnte um im Freien zu malen. Eine neue Eisenbahnlinie machte es überhaupt erst möglich mit Malutensilien nach Fontainebleau zu gelangen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Fotographie soweit entwickelt, so dass sie allgemein zur Bilderzeugung genutzt werden konnte. Dadurch hatte die Kunst sich vom reinen Abbild entfernt, das fotografisch genauer hergestellt werden konnte und setzte sich mit den Gesetzen des Sehens auseinander. Wie bei Turner wurde für die Impressionisten das Licht von Bedeutung und der Eindruck (Impression) des Gesehenen wurde wichtiger, als das Gesehene selbst. Dies sind nur Beispiele dafür, dass Kunst nie im leeren Raum entsteht, sondern sich unter zahlreichen Einflüssen entwickelt.

Ein sehr frühes Bild ist »Frauen auf dem Weg in den Wald«, das wiederum noch ganz im Stil der Freiluftmalerei der Schule von Barbizon gehalten ist.
Aufgrund seines Elternhauses war Sisley finanziell gut aufgestellt und unterstützte auch seine Malerfreunde. Während des Deutsch-Französischen Krieges 187/71 ging der Betrieb seines Vaters bankrott, Sisley verlor sein Haus und auch seine gesicherte Lebensgrundlage, wurde aber als englischer Staatsbürger nicht eingezogen.
Alfred Sisley war ein sehr früher und vermutlich wenig bekannter Impressionist. Er bevorzugte kleine Formate, bei denen die für den Impressionismus typischen sichtbaren Pinselspuren entsprechend zarter ausfallen. Seine Bemühungen, Bilder im Salon zu präsentieren, was ihm ein gewisses Einkommen verschafft hätte, scheiterten mehrmals. In der ersten Impressionistenausstellung 1874, bei der „Impressionismus“ noch ein Schimpfwort war, stellte er einige Bilder aus, unter anderem »Fähre zu der Île de la Loge, Hochwasser«.

Bilder von der Seine und der umliegenden Landschaften werden seine häufigsten Sujets. Oft malte er dieselben Motive mehrmals, auch, um die unterschiedlichen Verhältnisse von Licht und Wetter zu dokumentieren. Ebenso setzte er weitere Überschwemmungen häufiger ins Bild:

1874 hielt sich Sisley einige Monate in England auf. So wie von der Seine wurde er in England von der Themse angezogen. Seine Flusslandschaften, die er sein ganzes Leben immer wieder zum Thema machte, wurden seitdem häufig durch Brücken ergänzt. Die Bildausschnitte sind genau gewählt, oft kommt eine Brücke von der Seite ins Bild, überquert das Gewässer hin zu einem fast immer bebauten Ufer. Bei der »Brücke bei Hampton Court« ist es der ehemalige Palast Heinrich VIII. Das Bild aus Köln darf wie immer nicht gezeigt werden. (https://www.wallraf.museum/sammlungen/19-jahrhundert/rundgang/raum-7/) Die »Brücke bei Villeneuve-La-Garenne« von 1872 ist aber ziemlich ähnlich aufgebaut.

Sisleys zahlreiche Studien des Wassers mit seinen Lichtreflexen zeigen die Flussläufe wie lebendige, aber meist ruhige Lebewesen, die ständig ihr Aussehen ändern, und doch immer dieselben bleiben. Begonnen hatte Sisleys Faszination wohl zuvor in Paris, mit dem Canal Saint-Martin.


Sisley arbeitet den Vordergrund, meistens also das Spiel der Wellen, deutlich heraus, Menschen werden nur mit wenigen Pinselstrichen zurückhaltend dargestellt, allerdings deutlich durch eine dunklere Farbgebung und ihre meist senkrechte Position in den waagerechten Arrangements von Wasser und Landschaften. Ein recht spätes Bild, das mit wenigen anderen gegen Ende seines Lebens aufgekauft wurde, überträgt die waagerechte Ausrichtung auf eine Landschaft, die senkrechten Stämme der Bäume lösen sich in den Wipfeln auf, eine einzelne Person ist hier farblich so integriert, dass sie kaum auffällt. Eine nicht-perspektivische Raumwirkung entsteht durch die zur Bildmitte kleiner werdenden Bäume, die den Blick auf einige Gebäude freigeben und den zur Bildmitte heller werdenden Himmel. Waren bei den Flusslandschaften die Wellen durch kurze mehrfarbige Pinselstriche gemalt, sind es hier die einzelnen pflanzlichen Bestandteile, die als Divisionismus dem später typischen Pointillismus eines Seurat vorausgehen. Es werden einzelne unterschiedliche Farben nebeneinandergesetzt, die eine optische Mischung ergeben, wenn man das Bild mit Abstand betrachtet.

Der persönliche Eindruck, dass Sisley für einen Impressionisten recht häufig Schneelandschaften gemalt hat, wird durch einen Kommentar des Kunstmuseums in Rouen zu dem unteren Bild bestätigt. Während Schnee für Renoir „Lepra der Natur“ war, malte Sisley gerne im Winter. Der Schnee in seinen verschiedenen zarten Färbungen entsprach seiner kontemplativen Natur, der Kommentar aus Rouen ging sogar so weit, zu vermuten, dass Sisley mit seinem ruhigen Realismus gegenüber der Natur, sich selbst malte.

Vom Krieg verschont, konnte Sisley einem anderen Schicksal nicht entrinnen. Er erkrankte an Kehlkopfkrebs und starb im Januar 1889 kurz nach seiner Frau.
[1] Alfred Sisley, Über Landschaftsmalerei, in: Kunst und Künstler, Bd.6, 1908, S. 249.
