Intermezzo mit einige Bildern von Velázquez

Manet lehnte sich mit einigen seiner Werke an sein Vorbild Goya an. Die Auseinandersetzung mit Goya erstreckte sich hier über 3 Teiltexte, recht umfangreich für so einen Blog.

Warum war das so und was passierte in den circa neunzig Jahren, die die Anfänge dieser beiden Künstler auseinanderlagen? Eine kurze Antwort lautet dass die äußeren Umstände weitaus größer auf Goyas Arbeitsmöglichkeiten einwirkten, als auf Manet.

Goya war Hofmaler unter drei Königen und der Regentschaft Napoleons und arbeitete in Abhängigkeit dieser Politiker. Weitere Umstände, wie die kriegerische Besetzung Spaniens durch die Franzosen und die Inquisition kamen hinzu. In dieser Gemengelage vertrat Goya Positionen der Aufklärung, die nicht allgemein geteilt wurden. Und dann gab es noch ein Privatleben. Ohne Berücksichtigung dieser Umstände kann sich Goyas Werk niemandem erschließen.

Goya selbst lehnte sich wiederum an Velasquez an, dessen künstlerishen Anfänge circa 140 Jahre vor denen Goyas lagen und der auch Manet bekannt war. Auch hier schritt die Entwicklung voran. Eine oberflächliche Parallele ergibt sich zwischen Velázquez‘ Venus und Goyas Majas. Deren Auftraggeber Manuel de Godoy kaufte später auch die Venus von Velázquez auf. Die Rückendarstellung einer unbekleideten Frau war außergewöhnlich selten. Der von Amor gehaltene Spiegel gibt das Gesicht nur verschwommen wieder, ein Detail, das später noch einmal bei einem anderen Bild auftaucht. Die Position des Spiegels würde im Übrigen auch nicht das Gesicht zeigen, sondern die Körpermitte. Bei einem Maler wie Velázquez bestimmt kein Zufall!

Diego Velázquez, Venus vor dem Spiegel (Rokeby Venus), 1647-1651, National Gallery, London. (CC BY-NC-ND 4.0)

Diego Velasquez (1599 – 1660) war ebenfalls Hofmaler, abhängig vom Hof, weiteren politischen Kräften und den gesellschaftlichen Einstellungen. So galt zu Zeiten Velásquez‘ ein Maler in Spanien als Handwerker und nicht als Künstler. Um seinen Lebensunterhalt bestreiten und überhaupt malen zu können übernahm er zahlreiche Funktionen am Hof, z. B. als Kammerherr, als Superintendent für Bauvorhaben und als Hofmarschall. Möglicherweise starb er sogar aufgrund der daraus entstehenden Überlastungen.

Trotz allem hatten Goya und Velasquez neben ihren außergewöhnlichen künstlerischen Fähigkeiten einige Dinge gemeinsam, die sie in ihrer Bedeutung herausragen ließen. Beide nahmen, allerdings unter wohlwollenden Staatsoberhäuptern, durch ihre Arbeiten aktiv Stellung zu den Lebens- und Arbeitssituationen ihrer jeweiligen Zeit und positionierten sich als fortschrittliche und kritische Künstler.

Beide haben sich als malende Maler selbst mit in Bilder gesetzt, die repräsentativ die Königsfamilien darstellen. Beide schauen hinter einer Leinwand hervor, auf der das eigentliche Motiv nicht wiedergegeben werden kann, weil sie es von hinten sehen. Sie sehen also über das augenblickliche royale Szenarium hinaus in Richtung der Betrachter und blicken dadurch auch im übertragenen Sinn nach vorne.

Diego Velázquez, 1656, Las Meninas, Museo del Prado, Madrid.

Unten: Ausschnitt aus: Francisco de Goya, Die Familie Karls IV. , Museo del Prado, Madrid. Bild: Frans Vandewelle, flickr. (CC BY-NC 2.0)
(Alle Bilder aus dem Prado-Museum sind freigegeben für nicht-kommerzielle Zwecke.)


Auf dem zunächst namenlosen Bild, das später »Las Meninas« genannt wurde, sind sämtliche Personen eindeutig bestimmbar, ebenso ist der Raum des Ateliers bekannt so dass die objektive Richtigkeit der Darstellungen belegt ist. Sämtliche Personen sind in der unteren Hälfte des Bildes platziert, wobei sich Velázquez an der Staffelei am weitesten oben befindet und damit vielleicht auch im symbolischen Sinn die anderen überragt. Die Infantin, also die Tochter des Königspaares, steht genau auf der senkrechten Mittelachse, ihr Kopf und der der linken Dienerin auf der Oberkante des unteren Drittels. Allein das reicht schon, um die beinahe wissenschaftliche Konstruktion des Werkes zu belegen. Künstlerisch ist die Infantin mit ihren Meninas (übersetzt mit „Die Hoffräulein“) im Vordergrund des eher dunklen Raumes sehr hell gehalten. Beide Meninas führen die komplizierten Bewegungen beim Umgang mit einer Hoheit aus. Hinten öffnet sich eine Tür zu einem hell erleuchteten Treppenhaus, was dem Bild räumliche Tiefe verleiht, zumal sich dort auch der Fluchtpunkt der Raumlinien befindet.

Prof.SpongeBob, Wikipedia, Diego Velázquez Las Meninas die Hoffräulein, Schema. (CC BY-SA 3.0)

Zwischen dem Maler und der offenen Tür sieht man in einem Rahmen verschwommen zwei Personen, die allgemein als das Königspaar identifiziert werden. Ihr Besuch im Atelier war keine Seltenheit. Sicher war man sich nicht, ob es sich um einen Spiegel, oder ein Bild handelt, aber die verschwommene Wiedergabe erinnert an das Spiegelbild der Venus. Für einen Spiegel spricht auch, dass neben den Personen sämtliche Bilder im Raum identifizierbar sind, ein solches des Königspaares aber nicht existiert. Da Velázquez an der Staffelei die Infantin nicht von hinten malt, portraitiert er wohl das außerhalb des Bildes stehende Königspaar. Der Raum öffnet sich also nicht nur nach hinten, sondern thematisiert auch den Bereich vor der dargestellten Szene.

Wozu dient wohl diese aufwändige Konstruktion nach allen Regeln der Kunst für einen Maler, der ohnehin schon eine bevorzugte Stellung am Hof hatte? Es waren eben nicht die Regeln der Kunst, weil Velázquez in Spanien als Handwerker eingestuft wurde und er sich mit dieser Arbeit als Künstler qualifizieren wollte. Denn, wie gesagt, er überragt alle anderen Personen im Raum, selbst die im hellen Treppenhaus stehende, kaum zufällig. Ein in meinen Augen liebevoll verspieltes Detail betrifft die kleinste und vom Rang her unwichtigste Person, den jugendlichen Kleinwüchsigen ganz rechts, der auch auf dem Bild als unterste Person dargestellt wird und der kindlich mit dem Fuß den liegenden Hund neckt. („Zwerge“ wie man sie damals nannte, waren am Hof den Kindern zugeordnete Helfer und Spielkameraden) Er stellt den Gegenpol zu Velázquez dar und liegt auch auf seiner Blickachse. In die höfischen Rituale bringt er alltägliche, spielerische Kindlichkeit. Der Maler erfüllt zwar seinen Auftrag mit diesem Bild, aber er entscheidet, was und wie es gemalt wird. Die bedeutenden Personen auf dem Bild müssen sich die Leinwand mit einer funktionslosen Nebenperson teilen. Velázquez ist eben kein Handwerker, sondern definiert er sich als Künstler, der entscheidet, was zu seinem Bild gehört.

Diego Velázquez, Hofzwegr mit Hund, 1645, Museo del Prado, Madrid

Velázquez hat eine ganze Reihe undatierter Portraits von Menschen gemalt, die am spanischen Hof zur Belustigung des Adels dienten. Dazu zählten Kleinwüchsige, aber auch Hofnarren oder behinderte Menschen. In der Form der Darstellung unterscheiden sich diese Bildnisse nicht von den Portraits seiner Auftraggeber. Die persönlichen Qualitäten, denen er bei seinem König Phillip IV. in den Portraits zum Ausdruck verhalf, gesteht er auch diesen Menschen zu, die einfühlsam und sorgfältig in Velázquez Bildern einen Platz gefunden haben.

»Las Meninas« war ein sehr spätes Werk Velázquez‘, aber auch schon vorher konnte er sich als Maler profilieren. König Phillip IV. kam nach dem Tod seines Vaters mit 16 Jahren auf den Thron und interessierte sich von Jugend an für Dichtung und Malerei. Velázquez portraitierte ihn 1625 auf einem Pferd und Phillip verfügte, dass künftig nur noch Velázquez ihn portraitieren durfte. Dieses Bild ist verschollen und das Versprechen hielt nicht lange, denn Rubens, der 1629 mehrere Monate am spanischen Hof war, portraitierte ihn ebenfalls. Ein späteres Reiterbild von Velázquez von 1935 ist jedoch erhalten geblieben und zeigt einen souveränen Herrscher auf einem Pferd, das eine komplizierte Figur der klassischen Reitkunst ausführt. Links unten ist ein leerer Zettel zu sehen, der normalerweise Angaben über den Maler enthält, die aber Velázquez für überflüssig hielt, weil kein anderer, als er so malen konnte. Ohne irgendwelche zusätzliche Attribute zeigt es selbstbewusste königliche Würde. Es besticht durch schlichte Eleganz, was besonders im Vergleich mit einem Reiterbild von Rubens deutlich wird.

Diego Velázquez, Philipp IV zu Pferd, ca. 1635, Museo del Prado, Madrid.
Peter Paul Rubens, Reiterportrait des Herzogs von Lerma, 1603, Museo del Prado Madrid.

Mit derselben unprätentiösen Sachlichkeit setzt Velázquez ein weiteres Thema um, bei dem mehr Pathos nicht verwundern würde. Es ist ein Historienbild und stellt wohl einen Höhepunkt dieses Genres dar. Ein unbeschriebener Zettel findet sich auch hier wieder in einer unteren Ecke.

Diego Velázquez, die Übergabe von Breda, (auch: Las Lanzas), 1635, Museo del Prado, Madrid.

Spanien herrschte bis zur Mitte des 16 Jahrhunderts über die Niederlande, die sich gegen diesen Einfluss zu wehren begannen. Der Calvinismus setzte sich dabei zumindest im Norden, den heutigen Niederlanden, durch, während der südliche Teil vorübergehend von den spanischen (katholischen) Habsburgern zurückerobert wurde. Dabei spielte die Stadt Breda eine Schlüsselrolle. Sie wurde über zwölf Monate belagert, ehe sie aus Proviantmangel aufgegeben werden musste. Der spanische Feldherr war ein sehr rücksichtsvoller Sieger, er untersagte seinen Soldaten die übliche Plünderung und lobte die Verteidiger für ihren tapferen Widerstand. Velázquez zeigt die Übergabe des Stadtschlüssel, während der der Kommandant von Breda einen Kniefall andeutet, von dem Spanier aber davon abgehalten wird. Dieser neigt sich wohlwollend zu dem ehemaligen Feind. Die spanische Bevölkerung feierte diese Geste, nur die spanischen Soldaten, die zumeist aus Söldnern bestanden, waren unzufrieden, weil sie um den Lohn der Plünderung gebracht wurden. Velázquez zeigt sie rechts miteinander redend und teilweise mit aufgesetzten Hüten, beides Zeichen der Respektlosigkeit gegenüber der feierlichen Übergabe.

Eine durchdachte Komposition, wie bei »Las Meninas« kann man hier zurecht vermissen, ebenso wie die bis dahin übliche Glorifizierung beteiligter Personen. Velázquez malt in naturalistischer Weise mit der Genauigkeit einer neutralen Reportage das was es zu sehen gibt ohne weitere Intentionen. Uns so kommt es auch, dass ein Pferdehintern fast ein Drittel des Vordergrundes einnimmt. Historienbilder gab es schon viele, aber dieses wird aufgrund der neutralen Darstellung als das erste reine Historienbild beschrieben.

Velázquez, der schon einmal 1629 zu Studienzwecken nach Rom reisen durfte, unternahm 1648 eine zweite Reise dorthin, diesmal um Ankäufe zu tätigen. Er portraitierte dort den Papst Innozenz X. auf eine präzise Weise, die den Papst mit selbstbewusster Lässigkeit, aber zugleich mit kaltem und stechendem Blick zeigt. Er galt als schlau, misstrauisch und grausam. Der genau erfasste Faltenwurf des roten Umhangs kontrastiert mit dem hellen Kleidungsstück darunter, die Arme liegen entspannt auf den Lehnen. Den Händen, sieht man das Alter des Sechsundsiebzigjährigen an. Velázquez war schon immer bestrebt, im Sinne des Naturalismus sehr dicht an der Erscheinung des Gesehenen zu bleiben, während zu seiner Zeit eher idealistisch, vom Geist und von Ideen durchdrungene Motive gemalt wurden. Als das Bild fertig war erschien dem Papst das Bild als „zu wahr“. Es wurde nicht öffentlich präsentiert, sondern in dem Familienpalast Doria-Pamphilj aufbewahrt, wo es noch heute ist. (Pamphilj war der weltliche Name des Papstes.)

Diego Velázquez, Papst Innozenz X., 1650, Galleria Doria Pamphilj, Rom. Bild: Frans Vandewalle, flickr. (CC BY-NC 2.0)

Es gilt als eins der besten Portraits überhaupt. Seine Strahlkraft wirkte bis in die Moderne, in der Francis Bacon ein nicht minder ikonisches Werk geschaffen hat. Gefragt, warum er sich so intensiv mit genau diesem Portrait von Velázquez auseinandergesetzt hat, antwortete er, weil er dieses Bild für eines der Besten Portraits hielt, die je gemalt wurden.

Francis Bacon, Studie nach Velázquez’ Porträt von Papst Innozenz X., 1953, Des Moines Art Center, USA. Bild: libby rosof, flickr. (CC BY 2.0)

Und was ist nun passiert in den 90 Jahren? Velázquez hat sich aus der Position eines Handwerkers heraus als Künstler qualifiziert. Er wird als Maler dem Barock zugerechnet, der allerdings mehrere Facetten hatte. Zur Zeit von Velázquez herrschte eine idealistische Ausprägung vor, die sich an der Natur orientierte, aber in einer idealen Form, was zur Zeit der Gegenreformation im christlichen Sinn ideal war. Velázquez‘ Stil war immer deutlicher vom reinen Naturalismus geprägt, der König zu Pferd, die Schlüsselübergabe von Breda stellen Geschehen und Personen ohne idealisierendes Beiwerk und allegorische Ausschmückungen dar. Menschen, die zur Belustigung des Adels am Hof lebten wurden genauso gewissenhaft gemalt, wie die Königsfamilie und Adlige.

Diego Velázquez, Infant Philipp Prosper. 1659, Kunsthistorisches Museum, Wien. (CC BY-NC-SA 4.0)

Auch das Bildnis des jungen Infanten Philipp Prosper, hier vermutlich im Alter von zwei Jahren, als eines der letzten Bilder Velázquez‘ zeigt die Rechenschaft des Künstlers gegenüber der Realität überdeutlich. Das Kind war von Anfang an kränklich, litt an Epilepsie und einer Hautkrankheit. Auftragsgemäß ausgestattet mit sämtlichen Insignien der Macht eines künftigen Königs zeigt ihn Velázquez mit Amuletten und Riechfläschchen zur Erhaltung seiner Gesundheit, der dunkle Hintergrund wirkt bedrohlich und der kleine Hund scheint ermattet, vielleicht vom Spiel, vielleicht aber auch als Zeichen der Schwäche, der das Kind kurz vor seinem vierten Geburtstag erliegt. Der Velázquez bekannte Hintergrund war die jahrelange Inzucht, die eine erwünschte Generationenfolge am Hof garantieren sollte, die am Ende aber trotzdem zum Aussterben der Linie der Habsburger führte.

Goya versuchte mit den Caprichos und anderen Druckserien sich vom Adel und vom Königshaus unabhängig zu machen, obwohl er immer noch Hofmaler war. Hier zeigt sich die Autonomie der Kunst, ein Begriff, der auf Immanuel Kant mit seiner Schrift »Kritik der Urteilskraft« zurückgeführt wird. Es ist kaum anzunehmen, dass Goya sich mit seiner Kunst auf Kant bezogen hat, aber Goya mit seinen Caprichos und Kant kamen zur selben Zeit zu dieser Einstellung, dass Kunst unabhängig von äußeren Ansprüchen ihren eigenen Regeln folgen soll, unabhäng von Auftraggebern und Unterstützern, ihren Wünschen und Vorlieben. Diese Entwicklung ist ein Aspekt der Aufklärung, die sich mit den Mittteln der Naturwissenshaften und der Vernunft von den bisherigen Legitimationen für Herrschaft lösten.

Francisco de Goya, Caprich 1, Selbstportrait, Text: Francisco Goya y Lucientes, Maler, 1798-1799, Rijksmuseum Amsterdam (OA)

Dass Goyas Capricho-Serie mit überdeutlicher Kritik an den herrschenden Systemträgern, Adel, Klerus und den Angehörigen des Hofes nicht sparte, konnte man in dem zweiten Blog über Goya sehen. Auf diesem Selbstportrait, dem ersten Blatt der Caprichos, sieht man ihn mit Quäkerhut in Abgrenzung zur höfischen Kleidung. Das Portrait im Halbprofil zeigt ihn mit selbstbewusstem, herablassendem Blick eines gutgestellten, stolzen Bürgers. Die Realität die er hier zeigt, ist seine eigene.

Beide Maler standen am Anfang dieser Entwicklungen und Manet schließlich rebellierte gegen die neuen Richter über die Kunst, die Werke für die Salons auswählten. Auf seine Provokation hin entstanden die Salons der Zurückgewiesenen (Salon des Refusés) , die all jene Künstler bestückten, deren Namen uns heute noch bekannt sind. Die Impressionisten eröffneten eigene Salons und wieder einmal wurde eine neue Zeit der Kunst eingeleitet. Ihre Qualität wurde zunächst von belesenen Kunstkritikern wie Julius Meier-Graefe oder Konrad Fiedler anhand von Nachweisen beurteilt und später bis zum heuteigen Tag immer ausschließlicher auf dem Kunstmarkt festgestellt. Kunst ist zur Ware geworden.

Andy Warhol – Dollar Sign, 1981, Modern Tate Gallery, London. Bild: appelogen.be, flickr. (CC BY-NC 2.0)

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