Küsse

Chargesheimer: An der Theke (1956), museum-ludwig.de

« Et quand elle va nous voir passer
La patronne du café
Va encore nous dire
« Salut les amoureux »
Joe Dassin, 1972

Ein Bild voller Leidenschaft und Unschuld, 1956 von dem Kölner Fotograf Chargesheimer. In den 50er Jahren wusste man noch nicht, dass Rauchen schädlich ist, deshalb voller Unschuld, aber sonst?

Der Krieg war vorbei, trotz der immer noch vorhandenen Trümmer, verbotene und spannende Spielplätze für Kinder. Ewig dauernde Glücks­momente auf der Grenze zwischen einer endlich vorbeigezogenen Ver­gangenheit und einer noch nicht fordernden Zukunft. Das Leben in seiner Unmittelbarkeit, voll wilder Unschuld, Lust und Liebe. Ein Bild aus meinen Geburtsjahr, es hätten meine Eltern sein können, aber Kneipen waren nicht ihre Sache. Dagegen stellte ich es unbewusst später selber nach, in einer Eckkneipe in Ehrenfeld.      

Loni hieß unsere patronne damals, ansonsten war es wie in dem Lied von Joe Dassin zur Melodie von « City of New Orleans », das Lied eines Abschieds, der im Moment des Kusses noch undenkbar war! Jahre später sagte Ygritte in „Game of thrones“ zu Jon Snow: „Wir hätten in dieser Höhle bleiben sollen!“ Ja hätten wir, Wahrheiten auch im Trivialen! Dinge, die zeitlos richtig bleiben, unschuldig, bevor sie einen unglücklichen Verlauf nehmen und im Banalen enden.

Gutsv Klimt, der Kuss (1908/09),
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kuss_(Klimt)

Regelrecht bombastisch mutet dagegen die Ikone des Kusses an, das Bild „Der Kuss“ von Gustav Klimt. Durch den goldenen Hintergrund dem realen Raum enthoben, ein ins Religiöse überhöhtes Ritual zwischen zwei Wesen mit kaum mehr menschlichen Zügen. Männliche und weibliche Eigenschaften werden von den Körpern gelöst und in eckige (männliche) und runde (weibliche) Ornamente überführt, die die Starrheit der Küssenden unterstreichen. Diese wiederum entzieht dem Vorgang die kommunikative Grundlage, reduziert die liebevolle Begegnung und den lustvollen Austausch auf einen perfekt inszenierten Ablauf, der in einem dekorativen Moment erstarrt. Ein Gleichgewicht und letztlich eine Gleichberechtigung zwischen den Beteiligten wird negiert durch die kniende, unterwerfende Position der Frau, die damit die reale Einstellung Klimts spiegelt, der in seinen weiblichen Gespielinnen wohl auch willige Objekte sah.

“You live your life as if it’s real” singt Leonard Cohen und könnte damit das Bild von Klimt meinen.

Tim de Lisle (September/October 2014),
https://www.1843magazine.com/content/arts/tim-de-lisle/visual-cv-leonard-cohen, Bildnachweis ebd.

Aber ich sehe das Bild von Chargesheimer, Lonis „Höhle“ und ein paar andere Stellen auf Cohens „Boogie Street“, wenn es weiter heißt:

„And quiet is the thought of you
The file on you complete
Except what we forgot to do
A thousand kisses deep“
(Leonard Cohen: A thousand kisses deep, 1975)

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